Ich werfe einen Blick hinunter auf die Straße, fasse Jugenstilfassaden ins Auge, welche die Straße begrenzen, ich gewahre ein Auto, das auf der Suche ist nicht nach verlorener Zeit, vielmehr nach einer Parklücke; ich habe Kaffee gekocht und nehme einen ersten Schluck und sage: »Heute ist Mittwoch.« Eigentlich habe ich ausgespruchen nur, was bereits Hunderttausende in der Frühe des Tages vor sich hingemurmelt – und habe doch Bedeutungsschweres geäußert! Hinter aller Beiläufigkeit, die an eine Aussage erinnert wie: Der Zug hat heute 4 Minuten Verspätung – hinter allem Beiläufigen türmen Wolkenberge sich auf der Verweise. So habe ich den Begriff der Zeit angedeutet, die Bedeutungsvielfalt desselben ins Spiel gebracht. Ich habe den Begriff der Mitte beschworen; die Frage damit aufgeworfen, wo mein Ort sich befindet? Bin ich die Ameise, die, ein Staubkorn tragend, irrt im Kreis? Hat der Ort, an dem ich gegenwärtig mich aufhalte, eine kosmische Mittelpunktstellung? Schreibe ich aus einer belagerten Stadt? Unter welcher Macht fließen meine Tage dahin? Wer regiert? Die Tyrannis dieser Welt oder der Christus? Wieviel Schutt an Alltäglichkeit braucht es, um die philosophische Mimik solcher aus Buchstaben zusammengebundener Wortsträuße zuzudecken? Alles Grübeln, Hin- und Herwenden der Worte läßt mich nur noch demütiger werden. Wer lange genug nachgedacht, wer die Weltläufte betrachtet, wer alt geworden über der Schrift – kann im Haus der Demut nur noch Herberge nehmen. Wer, der wirklich verstanden hätte, was Demut sei? Mao Zedong (ach, wie austauschbar ein solcher Name, der weniger bedeutet als ein Fleck auf der Küchenschürze) gehört bestimmt zu denen nicht, die verstanden hätten. Er zählt zu jenen, die das Einsperren und Foltern und Töten anderer Menschen schöner finden als ein Am-Fenster-sitzen und Hinausschauen. Wer, der wirklich verstanden hätte, was Demut sei? Ich habe eine Tasse Kaffee getrunken und gesagt: »Heute ist Mittwoch.« Hört auf, zu hassen, liebe Kinder! Heraufgestiegen im Flügelhemd des Krankenhauspatienten das Licht eines Tages, der um sich schaut und fragt, wohin er gehen soll.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)