Städte, Sehnsuchtsorte. Triest, allein des Namens wegen, unabhängig davon, wie die Stadt sich meinen Augen dargeboten, ein Ort, der mich anzieht. Es ist der deutsche Name dieser Stadt, der ruft, der nach mir ruft: Triest – im auslautenden, hart gesprochenen »t« verbirgt sich jenes hohe g des Cellos, welches Thomas Mann in Kapitel XLVI des »Doktor Faustus« beschwört, jenes Nachklingende, in ein beredtes Schweigen Mündende, jenes Hoffnungsträchtige, das johanneische Licht in der Finsternis. Turin dagegen (einmal mehr deutsch ausgesprochen) die Stadt der Erinnerung, die Stadt, in der ich geboren, in der ich herangewachsen, die Schulen und die Universität besucht, in der ich meine Jahre vergeudet, als Dichter gelebt, in der ich gestorben, die ich nie verlassen. Turin, das ich mir, wie Paris übrigens, nur winterlich vorzustellen vermag – Turin ist der göttliche (grundlose) Grund; Triest entspricht Christus ––– um Turin und Triest herum liegen die Dörfer und Städte Württembergs, Stuttgart auch, in welchen ich, biographisch rekonstruier- und verifizierbar gewohnt, wo ich als Pfarrer gewirkt, tatsächlich die Tage zugebracht – die Orte des ausgegossenen Geistes. Ich bin ein zutiefst trinitarisch gesonnener, winterlich stiller Mensch. Ich bin ein Mensch des Mantels, des Buches, der Gasse, abgelegener Pfade, des kahlen (dionysisch hinaufwachsenden) Baums. Ich liebe winterquerende Flüsse, die kalten, weiten Meere, Häfen unter der erwachenden Tonalität biblischer Frühe. Man spürt förmlich, daß durch die Nächte meiner Kindheit die Fernzüge geweht, meine Ohren andere Stimmen hören.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)