Geschichte macht keinen Lärm. In Hinterhöfen wird still vor sich hingemordet. Man hört allenthalben Erde auf Gräber fallen; das dabei entsehende Geräusch erinnert an das Zugeschobenwerden einer Schublade, an das Ins-Schloß-Fallen einer Haustür. Ein Niederreißen von Mauern läßt denken an den Wurf von Mikadostäbchen über Tischplatten hin. Wir leben in einer Zeit nach den Ereignissen, einer Zeit der Schatten, stimmlos gewordener Singvögel. Wir leben nach einer Apokalypse; andere Apokalypsen werden folgen: es gibt deren viele, die sich, in der Johannesoffenbarung zusammengefaßt, ein Stelldichein geben werden. Um die Füße einer Engelsgestalt, welche, die Hochhauskulisse überragend, im Zentrum einer Metropole reglos steht, spielen, ewig anmutende Rhythmen des Seins, dunkle Wellen von Schönheit und Tod. Man hört, wie im Nebenzimmer eine Flasche Wein entkorkt wird. Aus einer anderen Wohnung dringt das Schreien eines Neugeborenen. In der Ferne das Rangieren von Güterzügen. Manchmal ist das Dasein bitter, eine flackernde Glühbirne zum Akkordeonspiel. Vor dem Kino um die Ecke, in welchem ein Schwarzweißfilm vor sich hinträumt, stürzt ein Fahrrad um. Niemand, der es wieder aufstellen würde; alle gehen vorüber. Die Zeitungsausträgerin singt mit klarer Stimme den Choral der späten Stunde: »Alle die Schönheit Himmels und der Erden ist verfasst in Dir allein.
Nichts soll mir werden lieber auf Erden als Du, der schönste Jesus mein.« Pünktlich zur rostfarbenen Morgenfrühe fallen mir die Augen zu. Wer nur, der vorgestern vom Vaterland gesprochen? Was meinte er damit genau?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)