Das Tier aus Finsternis und Nebel sitzt, eine apokalyptische Ikone, im Hinterhof. Es nimmt den ganzen Raum ein, wehrt spät verirrten Insekten noch das Kreisen. Das Tier, es will alleine sein. Auf der Stirn des Tiers der Puder liegt eines feinen, von fernher wehenden Geräusches. Ein Aufstand der Seele ist gefragt, möchte man an das Heraufkommen eines Tages jetzt noch glauben können. Gut, zu wissen, daß die Fähren, Heraklits Rhythmen verschworen, nehmen ihren Weg, der Rhein in seinen alchymistischen Küchen geheime Sprachen bündelt des Untergrunds und Rücken der Alpen Nächte überragen. »Weine nicht! Siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.« Bis vor wenigen Jahren kam das Morgenlicht aus Himmeln herabgestiegen; nunmehr es schwarzäugig heraufsteigt unrasiert aus Stollen und Schächten des Untertagebaus. Niemand hat bemerkt, daß das Licht von anderswo herkommt. Der Verlust des Vermögens, die Dinge metaphysisch deuten zu können, wiegt schwer. Es ist an mir, heute Nachmittag in einer kleinen Dorfkirche ein Paar zu trauen. Wie leicht erscheint dagegen das Spiel, Algorithmen in den Sand zu ritzen, Elektroautos, Kochertalbrücken zu bauen. In dieser Zeit des Großen Tiers zwei jungen Menschen den göttlichen Segen auf die Stirn zu schreiben, ihnen die Macht und Herrschaft des Logos zuzusprechen, sie eben ohne jeden Anklang an Inszenierung oder Moderation (im Geiste eines Widerstands gegen den Vollzug des nur Zeremoniellen) vor den Altar zu führen – eine Aufgabe, die im Grunde niemand bewältigen kann. Die metaphysiklose Zeit ist im Begriff geistige Welten zu zerstören ––– oder kann ihnen, den geistigen Hinterhöfen, doch gar nichts anhaben? »Weine nicht! Siehe es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)