In der Nikomachischen Ethik verleiht Aristoteles immer wieder seiner Überzeugung Ausdruck, daß jede innere Haltung (alles Philosophieren, Abwägen, Betrachten, Verstehen…) sich im Handelnden, in dessen Handeln, zusammenfasse und darstelle: »Der Teil der Philosophie, mit dem wir hier zu tun haben, ist nicht wie die anderen rein theoretisch – wir philosophieren nämlich nicht, um zu erfahren, was ethische Werthaftigkeit sei, sondern um wertvolle Menschen zu werden. Sonst wäre das Philosophieren ja nutzlos. Daher müsssen wir unser Augenmerk auf das Gebiet des Handelns richten, auf die Frage, wie wir die einzelnen Handlungen gestalten sollen, denn diese beeinflussen, wie wir gesagt haben, in entscheidender Weise das Wie der sich herausbildenden ethischen Grundhaltungen.« (Nikomachische Ethik, 1103b 26-30) Offensichtlich findet sich diese Auffassung im Neuen Testament wieder; dergestalt, daß wir, Jesu Worten gemäß, an unseren Früchten erkannt werden (Mt. 7, 16-20). Der umfassende Gerichtsgedanke scheint sich auf das Gestalt gewordene Handeln des Einzelnen zu beziehen. Die Gefahr einer verkürzten (und heute überall verkündeten, weder Aristoteles noch dem Neuen Testament gerecht werdenden) Deutung eines solchen Denkens: daß Handlung und Tat aufs Sichtbare beschränkt werden (auf das reduziert werden, was sozusagen eingetragen werden kann auf ein großes Weltzifferblatt für alle Augen). Die Würde der geistigen Welt erfährt Mißachtung! »Denke, wie Du willst, ich will sehen, was dabei rauskommt!« Dabei im Denken selbst (im träumerischen Hinaustreiben des Boots auf die Meere der Poesie) eine ins Weltimmanente hineinwirkende Tat sich verbirgt. Ein Schritt vorher, vor dem möglichen Eintrag in die Register der Wahrnehmung, im Verborgenen noch, glüht eine Aktualität sondergleichen. Das Sich-Verneigen vor einem Altar, ein Am-Tisch-sitzen und Schreiben (den Bleistift hinzuführen über die Leere eines weißen Blattes) – ich meine sogar, im Beter, im Dichter erfahre die Tat die denkbar glühendste actualitas. Irgendwelche ausführenden Akte, die in der Folge sich anschließen Handlungen, haben weniger Strahlkraft. Der sogenannte Macher und Tatmensch berührt weniger intensiv das Leben, den Atem des Seins. Die unsterblichen, anfänglichen Sätze des Gerhard-Meier-Romans »Land der Winde« bringen genau dies zur Sprache: »Viele meiner Kollegen waren Macher. Und Gemachtes ist leichter nachzuvollziehen. Ich war ein Wesen, das aus der Müdigkeit kam. Vielleicht kommt auch das Maßliebchen von dort?« Aus solcher Müdigkeit, die ihr Nest gebaut unmittelbar vor der Schwelle zur sichtbar werdenden Tathandlung, kommt das Leben zu uns, der Hauch des ersten Buchstabens, des Alphas. Die Früchte, die Jesus erwähnt, meinen womöglich jene Müdigkeit, welche, einem Fingerschnalzen des knappen Augenblicks vergleichbar, einer Unmittelbarkeit des Sich-Ereignens vorausgelagert wäre. Eine solche Müdigkeit würde sich als Hafen entpuppen, als das eigentlich Wertvolle unseres Hierseins. Müdigkeit, die weit hinauswiese über alles Sterben, in welche sogar die Potentialität der Auferstehung sich eingetragen wüßte. Höhepunkt, höchte Blüte der Ethik, die akmē, findet sich in einem Kurz-zuvor in Hinsicht auf die erkennbare Handlung, die Gestalt gewordene Tat.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)