Während der Jahre meiner philosophischen und theologischen Studien in Tübingen geschah es ein ums andere Mal, daß ich, als Wanderer unterwegs, auf eine alte Landstraße stieß, die noch nicht eingegliedert war ins Netz der großen, Verkehrsströme führenden Wege, die noch unberührt lag von weißen Markierungen, Seitenbefestigungen, die vor sich hindämmerte wie ein altes Tier. Ihr alten Straßen! Heere der Kriegsheimkehrer, der Geschlagenen, waren darüber hingegangen, Kaufleute, Wandermönche, heimatsuchende Waisen ––– wie auch all das eigenständig ketzerische Wissen, das Württemberg bis heute untergründig (soll ich sagen: subversiv?) prägt, über euch aus dem Süden heraufgebracht wurde: Die Bibelsehnsucht der Waldenser, ein johanneisches Grübeln der Katharer, die wilde Jesusliebe der Sänger und Dichter, die Haltung einer stillen (womöglich gnostisch angehauchten) inneren Verehrung (wie es der kummertiefen Vogelschar eigen: ein Verehren um des Verehrens willen); ein bleibend Weltabgewandtes, gar nicht so sehr um Daseinsgestaltung Bemühtes; kein Sich-Einmischenwollen in den Lauf der Dinge – vielmehr ein Am-Wegrand-Stehen und Betrachten ––– was wiederum der Logiker und Mystiker Charles Sanders Peirce im Amerika des 19. Jahrhunderts als ›musement‹ bezeichnete und in Augenschein nahm, die versonnen vor sich hinträumende, müde und handlungsarme ratio. Ihr alten Straßen! Euer ungefähres, an Baumrinde erinnerndes Dunkel, euer Von-irgendwo-Herkommen in ein Irgendhin Weisendes – ihr seid die Augenfarbe meiner Seele. Ihr habt euch in mir ausgesprochen. Ihr kniet gewissermaßen in mir und meinem Aufmerken. Ihr erzählt von provenzalischer Ferne, die Treibsand in meiner Stimme, in meinem Gesang. Ihr alten Straßen – schwarz wie der Kaffee der Frühe liegt ihr in der Tiefe unserer Erde nunmehr unter Schienensträngen, Start- und Landebahnen, unterm autotragenden Asphalt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)