Ich bin ein zerbrochenes Akkordeon, auf dem die Stunde vor Tagesanbruch spielt. Ich stehe als sechzehnjähriger Tramper am Straßenrand unterwegs nach Paris. Ich erinnere einen zweiundsechzigsten Geburtstag, als große Teile der Gemeinde ins Pfarrhaus gekommen, um mit mir weißen Wein zu trinken. An so vielen Gräbern habe ich gestanden; habe, was die Zahl betrifft, sozusagen ein ganzes Dorf beerdigt in den 36 Jahren des geistlichen Amtes. Stets ein Kind der Kraniche, habe ich die Gedichte der Bukowina und die Birkenwälder Rußlands geliebt. Eines Tages mein Grabstein wird ein weißes leeres, aus einem Heft gerissenes Blatt sein. In der barocken Stadt Ludwigsburg habe ich das Licht erblickt der Welt (und habe über all die Jahrzehnte hinweg Württemberg eigentlich nie verlassen). Ich habe ein schlichtes, verschwiegenes Leben geführt, umgeben von klugen Büchern. »Selten streifen heut am Straßenrand entlang die Beduinen. / Unter alten Bäumen sitze ich im Morgenlicht der Industrie. / Nach Schnee und Winter duftend, im Kaftan fast ein wenig ausgezehrt, / Die Monde, die die Schlitten ziehn der Zeiger über Zifferblätter hin. // Im Küchenlicht verweht die Spur der Fähre, die aus dem Hafen geht der armen Uhr. / Die auf Deck stehn, sehen, wie du dich am Kohlenfeuer wärmst des Strands. / Und Wasser grüner Flüsse werden noch die Flaschenpost der Neunmalklugen / Gegen Mauern werfen deiner Hast. Gras der Schönheit, leicht im Wind. // Flötenspiel der weißen Stunde, da ich an die Stirn des Sterbens durfte rühren. / Bäume wie Propheten zitternd und wie Rehe einer Angst ums Gartenhaus. / Des hohen Mittags Stimme dunkeler; und Schutt bespült den Landesteg. / Flötenspiel der grauen Stunde, da Fabriken vor Altären knien.« (Notizen zum Begriff der Zeit)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)