Eine Fliege, 140 Jahre alt, die vergessen hat zu sterben, irrt nunmehr, wie Kaftkas Jäger Gracchus, zwischen Leben und Tod durch irgendeine Art von Zeit, die nicht mehr verstreichen will. Sie fliegt um meine kalten, frierenden Hände, über das Gebirge der Tüten hinweg im offenstehenden Lebensmittelschrank, kreist um eine schwarze Lampe. Arme Fliege, kann doch der Tod, als schlankes Phänomen des Sich-Ereignens ( und nichts darüber hinaus) Gnade sein. Ewiges Leben hat nichts zu tun mit einem feuerbach’schen Verklärenwollen des schlank Ereignishaften. Ewiges Leben ist viel viel mehr als ein Gegenentwurf zum nackten, im Fall der Fliege, wie angedeutet, vielleicht sogar gnadenhaften Sterben. Ewiges Leben entspricht einem ganz und gar anderen Ansatz. Der Glaube an das Ewige Leben verdankt sich einer Schau des Christusantlitzes. Es geht eigentlich gar nicht um den Tod. Der Tod liegt in der Ferne wie irgendein Grönland. Der Blick aufs sogenannte Ewige richtet sich auf ein anderes hin: Ewigkeitsglaube ein Heraufsteigen aus der Höhle. Dort, in der Höhle, auf den Wänden die Bilder des Todes (vergängliche Bilder alltäglichen Hierseins). Droben, über dem Höhlenausgang aber ein Leben, welches durchglänzt von der Schönheit des Christusantlitzes. In der Politeia, sein Höhlengleichnis deutend, nennt Platon das Sich-Umwenden, Wegsehen von dem, was alle sehen (was die Bilder der Höhlenwände zeigen) und das Sich-Zuwenden zur Erkenntnis der Philosophen »peristrophé« (Politiea 521 c); im Munde Jesu, nach den griechisch verfassten Zeugnissen der Evangelien, ist es, ganz in diesem Sinne des Sich-Umdrehens und Anderswerdens durch Erkenntnis, das Wort »metanoia« (Mk. 1, 15). Glaube an das Ewige Leben ist eine andere Art zu sehen; ein anderes Erkennen; ist Kunstwerk, ist Dichtung, ist Poesie. Glaube an das Ewige Leben ist (aus der Sicht der Welt und ihren Gesetzen des Sterbenmüssens) Atonalität: »Sieben Tauben auf dem Dach / Eines Hauses in Ronchiano. / Sturzregen über Stunden hin. / Aber sie, die Tauben, die / Die Farbe haben der Hauswände / Wie alle Steine dieser Gegend / Um den See, bewegen sich nicht. / Nichts, das zu erzählen wäre / Es gibt nur die Unschuld / Der Ereignisse; Töne eher, / Die fallen, als daß ein Steigen / Ihnen eigen wäre. / Das Fallende stets: Gnade, / Die die Hausfassade / Herabgeklettert kommt; / Das Wuchernde einer / Vegetation.« (»Das Gelübde der Atonalität«) Eine Fliege, 140 Jahre alt, die vergessen hat zu sterben.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)