Es geschah, daß ich nachmittags gegen 16 Uhr jemanden grüßte mit Worten des Morgens. Ich erwachte aus meinen Tagträumen, bat um Entschuldigung, daß ich, im Herbst zu nahezu vorabendlicher Stunde, »Guten Morgen« gesagt. Indes: Wir sind doch Kinder des erwachenden Lichts; wir sind gar nie ins Sterben gerufen. Wieviel größer ist Geborenwerden als Sterben! »Überm Straßenverkehr, der wie Honigseim zäh und zuckrig, erhebt ein prächtiger Morgenhimmel sich mit den Blutergüssen der Kälte. Wir sehen eine Frau zur Arbeit gehen…An einem Kiosk, umrahmt von Wintersonne, trinkt sie Billigkaffee, der ihr in der Regel besser schmeckt als jener in eleganten Cafés gereichte; Billigcafé bekommt ihr sehr viel besser. Unstillbar ihr Durst an diesem Morgen. Sie liest, eine Brezel essend, in einem Tagebuch, welches ihre Mutter vorzeiten, während der Kriegswirren, auf der Flucht von Oberschlesien nach Bayern, verfaßt, liest diese mit kleinen Flüchtlingsbuchstaben übersäten Seiten (die Buchstaben selbst erscheinen ihr als tatsächlich in die Flucht Geschlagenes ––– in Manteltaschen und Koffer, in Rucksäcke, Tüten, Ledermappen, in Brotbeutel gestopftes Wort). Über den 25. Januar 1945 hatte die Mutter ein Wort von Novalis geschrieben: „Das ächte Princip der wahren Phil muß – das gesundmachende- frey, heiter und jungmächtig, klug und gutmachende Princip seyn“ (Brouillon p.79). Sie wirft den leergetrunkenen Becher in einen Abfalleimer und spürt die ‚ächte’ Philosophie in sich erwachen. Lieber guter eisiger Morgen mit deinem schmutzigen Schnee, deinem Lachen. Sie müht sich die Stufen hinauf zum Bürohaus, darin sie den Tag verbringen wird.« (aus dem Romanmanuskript »Wohin der schöne weiße Regen fiel«)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)