Als Thomas Mann, sagen wir 1952, aus dem Zug gestiegen, hat vielleicht jemand vor ihm die Tür geöffnet. Was ist aus diesem Menschen geworden? Überall häufen die Begegnungen sich. An Zehntausenden gehen wir vorüber. Schlußendlich erinnern wir uns an Wenige nur. Die Zahl der Lehrer, die uns unterrichtet – nach Jahrzehnten haben wir die meisten vergessen. Die Menschen, die wir nicht vergessen – was für eine Bewandtnis hat es damit? Entweder eignet allen Begegnungen ein Beliebiges, Zufälliges – oder aber verbirgt sich im Zueinanderfinden, aus welchen Gründen auch immer, ein kosmisches Moment – dergestalt, daß zwei Seelen, die sich berühren, etwas bewegen im Rahmen von Konstellationen, die uns vollkommen fremd, von denen wir nichts verstehen; von wo aus aber doch Einfluß genommen wird auf die Ereignisse unseres Lebens, auf die Epoche. Paulus kommt in Rm. 8, 38f. darauf zu sprechen. Wie auch immer die Mächte und Geistströme um uns herum fließen, in uns dringen, uns vergiften oder hell machen – es bedeutet letztlich alles nichts, weil wir doch keinen Einfluß darauf nehmen können. Das einzige, was zählt, man kann es in der Tat so einfach benennen, ist das Verbundensein mit Christus. Auf alles kann man dies übertragen: auf Karrieren, Besitztümer, Erfolge oder Niederlagen – es gibt nur dieses eine und einzige Schloß, das wir betreten können, den Glauben an den Herrn. Das entspricht Hölderlins später Erkenntnis: Wie tief auch immer man über Götter, Zeiten, Melodien und Philosophien brütet; ungeachtet der alten Sprachen, die man studiert, die Gedichte Pindars, Sophokles‘ Tragödien, die man übersetzt, gleichgültig welche Musikinstrumente man beherrscht – alles im Leben läuft letztlich darauf hinaus, daß man zu Christus findet, Nachmittage lang durch seine Weinberge geht und mithilft, sie zu hegen und zu pflegen (konzentriert, langsam, versonnen, die Poesien der Reben zeichnend auf die leeren Blätter unserer Erinnerungen). Ich weine mit Christus, während die Masse der Europäer unterwegs, ständig unterwegs ist, berufsbedingt oder ins Irgendwohin irrend, damit sie nur nicht nachdenken müssen über ihre großen und kleinen Tragödien. Ich erfuhr die Gnade, ständig in alten Häusern wohnen zu dürfen, ein Leben lang (darum wohl auch die Neigung, einer stabilitas loci zu frönen, die vornehmen Bücher zu lesen, dem schönen Gespräch, dem bewußt gesetzten Wort zu huldigen), und ich habe es nie unterlassen, nachzuspüren den Verzweiflungen und Glückseligkeiten, welche die Altvorderen in die Wände und alten Mauern geritzt. Ich habe die Tränen gezählt, die in Parkettböden gesickert, dem Echo nachgelauscht der Rufe de profundis (wie dies, das Echo, durch die Jahrhunderttausende, ein Flußlauf, ein Mississippi, eine Wolga zu uns heraufdringt ins 21. Jahrhundert mit seiner vergitterten Stirn). Die Rhône aber geht gelassen ihres Wegs, zieht an den Bergen vorüber, die an Bücherregale denken lassen, deren Bücher sie geduldig liest; die Rhône läßt sich nicht aus der Ruhe bringen, ihr dunkler Name verbirgt das Geheimnis ihrer Herkunft und sie weiß, daß sie aus der Schönheit und Traurigkeit des Christusantlitzes herausgeboren. Die Rhône ist die Handschrift eines Bettelmönchs, der zum Leben nicht taugt, keinen Broterwerb zu erstreiten vermag, indes grüblerisch zu schreiben weiß. Wundersame Rhône, wir lieben dein altes Gesicht, die Weine deiner Keller, deine Verachtung, die du den großen Straßen entgegenbringst, die an dir entlang sich ziehen und die so unermeßlich arm sind verglichen mit dem vornehmen Dunkelgrau deines grauen Wintermantels, den du gestern aus den Schränken geholt. Als Thomas Mann 1952 aus einem Zug gestiegen –––

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)