Es war einfacher vorzeiten mit Künstlern, Malern, Umgang zu pflegen, als sie noch an Gott geglaubt, sich hinter ihrem Handwerk versteckt und bescheiden gesprochen und einem jeden einfachen Menschen die Hand gereicht. Nun, da so viele sich selbst in den Rang der Götter erhoben, muß man sich vor ihnen beugen und bewundernd auf die Knie fallen. Damit ist nichts ausgesagt über Qualität und Notwendigkeit des Geschaffenen, der Werke. Allein die Begegnungen werden mühseliger. Es ist ja nicht ganz leicht, mit einem Gott bei einer Tasse Kaffee ein Gespräch zu führen im Glaskäfig einer Supermarktkette. »Mein König und mein Gott, darf ich meine Bewunderung zum Ausdruck bringen, in welch großartiger Freiheit Sie diese erlesenen Turnschuhe tragen, deren Sohlen durch die vielen Schichten aufgetragener Farbe spazieren. Ich bewundere Ihren Palast, die treu ergebene Dienerschaft, den kühlen, stolzen (geradezu abwesend wirkenden) Ton Ihres selbstversunkenen Sprechens, welches dem Abend gehört Ihrer eigenen wunderbaren Seele.« In unserem exzessiv materialistischen Stallgebäude sind wir Augenzeugen menschlicher Selbsterhöhung, in den allermeisten Fällen indes auch der Selbsterniedrigung. »Gibt es auf Erden ein Maß? Es gibt keines.« Ein spätes, von anderen überliefertes Hölderlinwort. »Es gibt keines.« Ich sehe ein uraltes, im Wind schaukelndes Ehepaar, gegenseitig aufeinander gestützt, den Regenschirm als Sonnenschutz aufgespannt, über eine Brücke taumeln des Rheins. Beide in nunmehr zerschlissenen, ehemals eleganten Kleidern. Beide so schwach, so einsam, krank, verloren. Ich sehe die Haut ihrer Gesichter tausendfach gefaltet. Zwei Papierschwalben, die an ihre eigenen Gräber wehn. Einer antiken Regenwolke vergleichbar, liegt das Lächeln auf dem Antlitz der Frau, das Lächeln auf dem Antlitz des Mannes. Einsam unter diesem königlichen, um Gottgegenwart bettelnden Paar die Boote, darin die Ruderer mit verbissener Miene – Boote, die von einem Nichts ins andere gerudert werden. Ich wünschte mir, jemand läge in einem dieser Boote auf dem Rücken und ließe sich treiben wie Rousseau und Marcel Proust über See und Fluß, die Himmel vor Augen. »Vorwärts aber und rückwärts wollen wir / Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie / Auf schwankem Kahne der See.« (Hölderlin, Mnemosyne v 15ff.)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)