Dunkel die Fenster alle zur Straße hin in dieser Nacht; von einer Finsternis indes ergriffen, die, so will mir scheinen, seit »siebenzig Jar, und wenns hoch kompt….(seit nunmehr) achtzig jar« flehet um Licht. Es nimmt mich wunder, daß die Seelen so vieler Menschen heute schweigen, gar nicht mehr rufen, flehen, sich nicht ausstrecken nach Tagesanbruch, nach Morgenröte. Sofort kann ich erkennen, anläßlich der flüchtigsten Begegnung, ob im anderen, im Gegenüber, ein Sehnen webt, oder ob ein Sattsein vorherrscht, man zufrieden ist mit den schmächtigen Schatten, die um einen herumstehn wie tote Bäume. Josif Brodskij, gefragt, worin gute von mittelmäßiger, sogar schlechter Literatur sich unterscheide, antwortete, alles hänge davon ab, ob das Niedergeschriebene metaphysisch sei. Ich hätte geantwortet: »Daß im Autor ein Flehen obwalte.« In der ganzen Straße kein einziges erleuchtetes Fenster jetzt kurz nach fünf. Ob auch die Seelen der Menschen versteinert – aus dem Mauerwerk der Jugendstilhäuser steigt das Flehen. Ich höre, wie Fassaden und Kastanien rufen. »Barfüßig der Dichter fährt, Stift und Notizbuch in der Umhängtasche, / auf dem alten roten Rad in das Drama einer Stunde, die frisch / vor ihm wie aufgeblättert. Münzen werden ihm gereicht / der Heiterkeit, die er zu keinem Zeitpunkt später / wird zurückerstatten müssen.« (aus: »Das rote Damenrad des Fürsten«)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)