Ich schreibe Zahlen auf ein leeres Blatt Papier, Zahlen, die einen Zeitpunkt einzukreisen gesonnen sind, diesen indes kaum zu umgrenzen vermögen. Niemand kennt die kosmische Uhr; allenthalben, daß wir die Historie ansatzweise zu vermessen begabt sind – jedoch auch in dieser Hinsicht mit zahlreichen Unbekannten uns abfinden müssen. Ein die Vergangenheit erinnerndes, Eindrücke und Daten festhaltendes Buch kann die ihm eigene Unschärfe niemals vergessen machen: »…ein Buch ist ein großer Friedhof, in dessen Bezirken man auf den meisten Gräbern die verwischten Namen nicht mehr entziffern kann.« (Marcel Proust). Gerne möchte ich noch einen tiefen Schluck Schlaf nehmen, von Büchern träumen. Auch in der metaphysiklosen Zeit sind Brieftauben unterwegs. Sie bringen Träume, die der Seher Johannes in seinen Hinterthöfen angebaut, implantieren das Geträumte in die Schreibhand. Und bringen Träume aus Pindars Gärten. Die Vergangenheit ist nicht weniger verschwommen als die Zukunft. Von der Gegenwart erkennen wir fast überhaupt nichts, tasten wir uns wie blinde Bettler von einer Mauer zur andern. Alles, was wir können, ist ein bißchen träumen, die Schuhe wechseln, Psalmen entziffern, mathematische Rätsel lösen, Weinflaschen entkorken. Es ist nicht viel, aber auch nicht wenig. Für das Entscheidende fehlt uns in der Regel der Blick. »Dem Mond der Kelten, der den Pfad entziffert, widme einen Augenblick / Ich balanciere auf dem Alpengrat des Atems, / Dein Zelt befindet sich in Etam, am Rand der Wüste / Andalusien schreibt die Konsonanten in die Schale Deines Munds…« (aus: »Tafelanschrieb Geographie«)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)