Morgenfrühes Hinunterschauen auf die Straße. Fahrräder treiben vorüber. Das Café nebenan bereits beleuchtet. Der Tag scheint erwacht. Zeit für mich, die Schlafstatt aufzusuchen – einmal mehr nach einer Nacht der Lektüren. Ach, die vieltausend zerlesenen Nächte meines Lebens! Ich habe stets, der Schlaflosigkeit mein Tribut zollend, nachts eher gelebt; dabei aber, ein kleiner Trost, die Stille genießen dürfen alter (tatsächlich – oder in Bildern gedacht – am Rand der Friedhöfe stehender) Pfarrhäuser. Niemals war das Wohnen dort eine Idylle gewesen. Die Häuser waren von aristokratischer Anmut – gleichwohl erwiesen sie sich als Truhen, gefüllt mit den Verzweiflungen des Lebens. Gerade während der Nächte vermochte ich den Schmerz wahrzunehmen der Menschen, Nöte haben auf die Tasten eingeschlagen meines Geistes, den ich oft mir vorstelle als ein von den Mächten (Rm. 8, 38f.) bespieltes Instrument. Gestern habe ich Sergei Loznitsas Film »Donbass« gesehen. Ich bewundere die Größe des Regisseurs, ohne jeden Abstrich Grausamkeit, menschliche Dummheit und Frechheit, die Absurdität des Krieges darzustellen (kein Wunder, daß der Film in Rußland nicht gezeigt werden darf). Während des ganzen Filmes mußte ich unablässig daran denken, daß Hölderlin in seiner späten Dichtung über »das Freche« nachsinnt. Ich sollte mehr darüber schreiben. Trost hoffe ich später beim Hören des Valentin-Silvestrov- Streichquartetts Nr. 1 aus dem Jahr 1974 zu finden.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)