Die Bushaltestelle am Rande einer stark befahrenen Straße; LKWs auch schütten ihr Lärmen über die Schar der Wartenden. Ich werde unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs zweier jüngerer Naturwissenschaftler. Sie tauschen sich aus über neue Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft. Gedanken flattern aus ihren Mündern wie Flaggen fremder Kontiente. »Man bräuchte ein völlig neues Denken« – ein Satz, der von beiden immer wieder ausgesprochen, zwischen Platten des Lastwagenlärmens geschoben wird. Ein neues Denken. Später spaziere ich, von Schwänen angestaunt, von Haubentauchern kritisch beäugt, vom Geschrei der Möwen angeklagt, am Seeufer entlang. Merkwürdig will mir scheinen, daß, wann immer Naturwissenschaftler, Naturforscher aufbrechen, ein sogenanntes neues Denken zu augurieren, sie eher ›rückwärts‹ sich bewegen; will heißen: Während sie, auf ihren ausgeprägten Erkenntnisdrang vertrauend, auf der einen Flanke faszinierend Ungewußtes im Verborgenen aufstöbern, Sprache in bislang Ungesagtes hineintragen, in Neuland vorstoßen, treten sie auf der anderen Flanke den Rückzug an – alles andere und neue Sagen in philosophischen Kontexten führt doch zu den Vorsokratikern, insonderheit zu Heraklit und Parmenides zurück. Ein wundersames Paradox! Neueste wissenschaftliche Erkenntnis kehrt ein in die Anfänge des Denkens, wo sie das Haus der Formelsprache verläßt und die Straße eines allgemeineren Sprechens betritt. Das Neue, bislang Ungesagte findet, vom Strom der Sprache getragen, nach Hause ins Allerbekannteste (und insofern seit jeher Unverstandene). Es sind verschiedene Mondphasen, die in unsere Hinterhöfe hineinleuchten. Schlußendlich sind wir alle im Bild des vollen Mondes zuhause und kehren, spätestens im Sterben, dorthin zurück. Das klingt altklug, besserwisserisch, belehrend – als ob man allemal um einen Schritt vorauseilte; immer schon wüßte um das Reiseziel. Gleichwohl denke ich, gemächlich hinschreitend an den Ufern, es sei ein faszinierendes Rätsel: daß der Aufbruch ins Neueste einer Heimkehr ins Älteste entspricht. Diese Aussage findet sich bereits in Heraklits Fragment 60: »Der Weg hinauf oder hinab ist ein und derselbe« – Zitat, das T. S. Eliot übrigens über das erste Quartett, »Burnt Norton«, geschrieben. Eliots »Four Quartets« (aus meiner – zugegeben bescheidenen – Sicht eine der grundlegendsten Dichtungen des XX. Jahrhunderts) kreisen u. a. um dieses Rätsel: »And what you do not know is the only thing you know / And what you own is what you do not own / And where you are ist where you are not.« Das Älteste will nicht weniger dunkel und rätselhaft sein als das Unbekannte, das Neueste. Wir wissen alles über Christus und haben gar nichts verstanden.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)