Nächtlicher Spaziergang. Vor einem Haus des Viertels eine Kiste mit Büchern zum Mitnehmen; darunter ein Büchlein, eher ein Heft, welches ermöglicht, die Taufe eines Kindes zu dokumentieren. Fragebogenartig aufgemacht die Seiten. Man hält die Namen fest der Paten, den Taufspruch, den Ort der nachfolgenden Familienfeier, man klebt Fotos in vorgezeichnete Rechtecke. Man findet auf der einen oder anderen Seite manche (seichte) Erklärung zur Taufe ––– und und und. Alles reich bebildert auf eine Art, die als verspielt zu bezeichnen man allen Grund hätte. Es bedarf des Dokumentierens eigentlich nicht. Unsere Namen sind im Himmel aufgeschrieben; stehen im Buch des Lebens. Ach, der Hang heute, alles festzuhalten in Bildern; die Angst, etwas könnte unbemerkt bleiben, bedeutungslos erscheinen. Jeder Atemzug wird abgelichtet, kommt ins Archiv. Die Gondel des Ichs träumt sich durchs Weltall, welches für die allermeisten leer. Am Ende bleiben von einem Leben ein paar Millionen Fotobilder. Belanglos wie auch immer so ein Büchlein zur Kindertaufe (belanglos wie alles Bebildern und Festhaltenwollen) – es stimmt mich doch nachdenklich, daß man ein solches Büchlein mit Kochbüchern, schlechten Krimis, vergilbten Sachbüchern, angeschimmelten Wanderkarten in einem Karton vors Haus stellt. Man bekennt gewissermaßen das Unvermögen, von der Taufe einen philosophisch gültigen Begriff (Begriff im hegel’schen Sinne) ableiten zu können. Die Taufe wird verwiesen in die Welt der Kochrezepte, des Entsorgens, des Ramsches. In Vergessenheit geraten der Umstand, daß gerade der Taufakt als solcher, in seiner Einmaligkeit, Nicht-Wiederholbarkeit, zu den großen Wortzeichen gehört der Existenz. Die Taufe ein Hinaufschauen, ein Aufgerichtetwerden, ein Anmutiges, welches der Schwerkraft des Sterbenmüssens entgegenwirkt. Wir haben nur den Kanten Brot, die Gabe des Weinstocks, das im Namen der Taufe geschehende Eingetauchtwerden ins Göttliche – diese drei! Drei Gestalten der Anmut. Drei Gedichte der Seele. Wenige nur, die die drei Gedichte lesen, daraus leben, der Anmut nachspüren des Glaubens. Wenige nur. Weit verbreitet die Haltung dagegen, das Wohnhaus zu entrümpeln. Was tragen wir vors Haus? Woran hängen wir, was brauchen wir, was würden wir nie hergeben wollen?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)