Die Gier nach Innovation wühlt in Ingenieuren heute. Sie wissen sich herausgefordert, eine ins Maßlose metastasierende Zivilisation zu bändigen, in ein Flußbett diese zu legen, den Sinn der Sterblichen zu öffnen für das Maßvolle. Auch die Wasserblasen der Künstlichen Intelligenz treiben hin unter einem angstverkleisterten Himmel. Das gesuchte Neue will letztlich doch heilen, befrieden, beruhigen. Allen Erfindungen liegt an einer Domestizierung des entflohenen Großen Tiers. Die Kunst, der so lange das Parfum des Innovativen aufgelegt war, ist dagegen angelangt im sanften Milieu des Bürgerlichen. Womit soll sie noch schockieren? Geschrei und Nacktheit auf Theaterbühnen läßt denken an ein Tässchen Tee nachmittags beim Hinausschauen in den herbstlichen Garten. Was soll radikal sein an den Videos eines Bill Viola? Gewiß, man fröstelt ein wenig angesichts des hier und da geschilderten Sterbens. Letztlich kann Kunst nur sich besinnen und, der protestantischen Reformation im Spätmittelalter verbunden, den Weg nach Innen suchen, sich im Sinne einer geistigen Erneuerung, die allem Spektakulären abschwört, herausfordern lassen, den Abstand suchen zum Kriegerischen (welches in den Büroräumen rund um die Parlamente allmählich wieder zu erwachen beginnt). Die »devotio moderna« war eine (vorreformatorische) niederländisch-norddeutsche monastische Bewegung, die die Klöster verlassen, sich dem nachtlangen Bibelstudium zugewandt, in Wohngemeinschaften unter den Armen der Städte gewohnt, die Sterbenden begleitet, an der Seite der Kranken gewacht. Die Kunst darf ihre Klöster verlassen, die Armut suchen des Gebets, das Wasser in seinem scheuen Fließen entdecken (gar nicht in seinem entfesselten Fluten und Zerstören). Das Gedicht ist der Bote, welcher ins Kommende führt. Das Blatt Papier, der Bleistift, die schönen Buchstaben (jeden einzelnen wiederzuentdecken: wieviel Tanz in einem großen »K« etwa anwest). Es war das einzelne, notwendige Gedicht (Gottes Stimme und nicht die Wiedergabe eines Gefühls), das der Musik die philosophische Dimension wieder eröffnet. Es waren Gedichte aus der Feder Hölderlins, Becketts, Celans, die herausgeführt, dem Exodus vorangegangen waren aus dem Sentimentalen. Die unauflösbare Einsamkeit einer Zwetajewa, eines Mandelstam! Im »notwendigen« Gedicht ist die Stimme einer tatsächlich zeitgenössischen Prophetie zuhause. Regen, der in die Gassen fällt.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)