Mächtige Pilgerzüge des Regens finden durch das große Tor ins Zentrum der Stadt. Unter den Pilgern auch Tänzer, die ein eher wildes Fluten in die Gassen bringen; aber auch kleinere Gruppen lassen sich ausmachen, die im Gebet verharren und versöhnlich auf Asphalt und Pflaster fallen. Marketender ziehen hinter den Wassermassen her, wie auch Träumer in Mönchskutten, die Aktenmappen oder Papierstapel nur unter die Arme geklemmt. Es ist ein mittelalterlich anmutendes Spektakel. Große Wetter erinnern zuweilen an militärische LKW-Karawanen auch, an monotonen Gesang der Motoren; dazwischen die Klangfarbe von Zimbeln und dunkle Rufe aus Ställen der Tiere. Fasnachtsumzüge oder Wege der Trauernden an Gräber hin? Fragen, die den Regen nicht beschäftigen. Seine Kälber weiden an diesem Sonntag im Oktober auf den Dächern der Stadt Triest. An der Hafenmole liegt grau und verlassen ein Kriegsschiff.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)