Der Weg nachts durch das ehemalige Ghetto von Triest, die engen Gassen, denkbar verdichteter Wohnraum (Vorschrift damals für die Ausgegrenzten; heute, alternativlos, das Konzept jeder Stadtplanung überhaupt – ach, Schwindel der Zeiten: wie, unter anderen Vorzeichen, Entwürfe wiederkehren). In der Nacht vor Allerheiligen sind die Cafés, die Bars noch überfüllt. Haben »die Heiligen« früher vereinsamtes Wohnen, die Stille waldumfluteter Gemäuer gewählt, gehen sie unter heutzutage in der musiküberschütteten Masse, stehen bleich am Tresen, trinken leeren Blickes vor sich hin, wissen nicht mehr, für wen sie beten, ob sie überhaupt noch beten sollen. Wird von diesen vielen, die vor den Häusern, in den Bars herumstehen, die rauchen, trinken, plaudern, in sich hineinweinen, vor sich hinkichern, eine Melodie mitsummen, irgendjemand am Folgetag, an Allerheiligen, auf den Friedhof sich begeben, ein Kerzlein anzuzünden, eine Zeitlang um die Gräber wie alter Baumbestand zu wachen? »Vecchio sobborgo improvvisato e squallido, / già campagna sassosa, poi conquista. // …..Pochi / passi piú in là c’è il Pastificio, il rosso / suo fumaiolo // Alte Vorstadt, zusammengepfuscht und finster, / früher steiniges Land, dann erobert. // …..Nur ein paar Schritt davon / die Teigwarenfabrik, mit ihrem roten / Schlot…« (Umberto Saba). Wir bestaunen dies merkwürdig anmutende Nebeneinander von Traditionen und selbstvergessenem Vor-sich-hin-Leben. Wir bewundern (beklagen bzw. beklatschen zuweilen) ein Hiersein, das sich von allen Hierarchien abgewandt. Alles in den Suppentopf gebrockt und umgerührt, stundenlang gekocht auf dem Küchenherd des Musealen, in Folie geschweißt – das fertige Produkt sodann: die Mischung aus Favela und vornehmem Hamburger Stadtrand (verstopfte, vergiftete Straßenschluchten neben zeitvergessenen Wegen einer Parklandschaft um Jugenstilvillen). Platon, rastend unter einer Platane – er teilt den Wein mit einem kleinen, verschwitzten Tyrannen, trinkt mit ihm aus derselben Flasche. Mandelstam, der im Tagebuch der Sommer, Griffelzeichen studierend, liest – über die Schulter schaut ihm, sportlich, in leuchtenden Farben gekleidet, Proserpina. Ubiquitär das Kieferknirschen der Müllabfuhr-LKWs; in Laboratorien die Maschinchen indessen auf Zehenspitzen gehn. Wir leben, insektenumschwärmt, in einem Fragment von Museum auf irgendwelchen Inseln des Universums. Anbricht der neualte Tag. Es ist an der Zeit, die Schlafstatt aufzusuchen, alles Gedachte, Gelesene zu verlieren, um morgen dann als Tourist ein x-beliebiges, auf Hängen über dem Meer errichtetes Duino aufzublättern. »Wer hat uns also umgedreht, daß wir, / was wir auch tun, in jener Halrung sind / von einem, welcher fortgeht? Wie er auf / dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal / noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –, / so leben wir und nehmen immer Abschied.« (Die achte Elegie)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)