Wie nur leben ohne verregnete Städte, ohne das schwarze Licht über Feldwegen, ohne die Spaziergänge durch die Kornfelder der Bücher? Wie aber das Herz, das lebenumwälzende Zentrum sich vorstellen einer weithin sich breitenden Stadt? Ich imaginiere, dies zu ergründen, eine Riesenschar ergrauter Möwen über gründlich dunkler, feuchter, frisch gepflügter Erde. Könnte gleichermaßen das eigene Herz entsprechend gedacht, bildlich erfasst werden? Wir verfügen über die Formelsprache der Wissenschaften, welche jede Verbindung verloren zur Poesie. Wir haben die Poesie, die wiederum alleine am Feldrand steht, keinerlei Verbundenheit aufweisen kann mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Alles so zersplittert. Jeder lebt auf Kontinenten einer kaum noch kommunizierbaren Sprache. Jeder verfolgt seine Melodie, das einhändige Klimpern auf dem Klavier. Es fehlen die Akkorde, die Orchestrierung, die Umarmung wenigstens von Vogelzug und Bratsche und weinendem Knien vor dem Buch. Wir leben nicht mehr auf der Erde. Wir leben in keinen Zwischenreichen mehr; sind nirgendwo zu Hause. Das Universum auch hat sich abgewandt. Als ob wir nachts mutterseelenallein an einer stadtauswärts gelegenen Bushaltestelle stünden und auf niemanden und nichts mehr warten würden. Wir spitzen die Bleistifte, obgleich wir aufgehört haben zu zeichnen und Buchstaben zu setzen auf das Schulterblatt der Nacht. Indes das Verbot verhängt wurde, traurig zu sein. Das sei das Allerschlimmste: Trauer zu tragen – tagsüber.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)