Nebel ist in die Gassen herabgestiegen, hat sich zwischen die Fassaden gedrängt der Wohnviertel, wächst, wie die Zweige der Terebinthe ausladend, in die Seelen hinein der Menschen. In Bälde werden die Eifrigen von der Bettstatt sich erheben und hineinwandern in den Tag, ihre Arbeitsplätze aufzusuchen. Die Kaste der Kontemplativen dagegen wird an den Fenstern stehen und hinunterschauen auf die Straßen. Wozu sind wir auf dieser Erde? Ein Vorübergehender bückt sich nach einer Münze, die, so steht zu vermuten, jemand am Vorabend verloren. Durch eine offenstehende Wohnungstür hört man, wie ein Akkord auf dem Klavier angeschlagen wird, ein einziger Akkord, dann versinkt das Treppenhaus wieder in seiner frühstmorgendlichen Stille. Später begegne ich vor einem Café einer Siebenbürgerin aus der früheren Kirchengemeinde. Sie verabschiedet sich mit den Worten: »Schön, daß ich Sie nocheinmal gesehen habe.« Das klingt so anders; bezeugt einen Mut zum Dasein, erinnert an das große Hegelwort aus der »Phänomenologie des Geistes«: »Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.« Es gibt in Zbigniew Herberts Band mit Skizzen und Apokryphen »Stilleben mit Kandare« eine Stelle, die ich seit langem als eine Zusammenfassung dessen, was ein ›normales‹Leben sei, lese und verstehe: »Am frühen Nachmittag betrat die Familie die um ihrer Küche willen berühmte Gastwirtschaft ›De Zwaan‹, nahe einer großen Wegkreuzung, an der die Galgen standen…In der Wirtschaft herrschte stets Lärm und Gedränge; in der Luft hingen die schweren Gerüche von Tabak, Hammelfett und Bier. Cornelis bestellte gewöhnlich einen ›hutspot‹…., Lachs in grüner Soße, die unübertrefflichen Plinsen und glasierte Kastanien…Das alles, mit Doppelbier aus Delft begossen, versetzte Körper und Seele in den Zustand satter Melancholie.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)