Ein entscheidender Irrtum, anzunehmen, die Philosophie (gerade dort, wo sie sich anheischig macht, denkerisch sehr streng, Wissenschaft zu sein) begradige das Lebendige; ihr Abstrahieren raube der Wirklichkeit den Traum, das ekstatisch Polyglotte, den Zungenkuß, das Streicheln und Weinen, das Auf-einem-Bein-Stehen und Kranichflugspielen. Das philosophische System (in entsprechender Weise die Methode analytischen Denkens überhaupt) entspricht, ich sage das voller Liebenswürdigkeit, einem Kassenzettel. Im Romanmanuskript ›Wohin der schöne weiße Regen fiel‹ rühmt ein philosophisch vergrübelter Ex-Rabbiner den Kassenzettel, dessen Zahlengewitter als poetische Großwetterlage, als Tragödienschrift der Moderne; wird, an anderer Stelle, das Anziehen der Türangelschrauben zur weltrettenden Geste. Die konzentrierte (stille) Lektüre philosophischer Texte läßt an Valentin Silvestrovs Klavierstück ›Hymn 2001‹ denken, welches 6:27 Minuten lang versonnen, trunken taumelnd zugleich (gewissermaßen, mit Hölderlin zu sprechen: »auf schwankem Kahne der See«) das Hiersein als ein die Augen Auftun und sie wieder schließen feiert. Das philosophische System ist ein möglicher Gebirgspfad – gerne beschritten von denen, die nachts nicht schlafen und in Texte sich verlieben und Rooibostee während der Lektüre trinken können. Ich ›liebe‹ Schellings Freiheitsschrift, die Fragmente Heraklits, die religionsphilosophischen Schriften des Charles Sanders Peirce, die grauen Bände der Heideggergesamtausgabe, Nietzsches Nachtgebete, Pascals Wanderungen durch die Monopolen des XXI. Jahrhunderts. Ich liebe Schestovs Reisen in den Alltag eines Molekularbiologen (wie der die Haustür aufschließt morgens und sie abends zuzieht wieder). »Lord, the Roman hyacinths are blooming in bowls and / The winter season creeps by the snow hills; / The stubborn season has made stand. / My life is light, waiting for the death wind, / Like a feather on the back of my hand. / Dust in sunlight and memory in corners / Wait for the wind that chills towards the dead land. // Herr, die römischen Hyazinthen blühen in den Schalen und / Die Wintersonne schmiegt sich an schneebedeckte Hügel; / Widerspenstige Zeit bleibt stehen. / Leicht ist mein Leben, während Todeswind wartet, / Wie eine Feder auf meinem Handrücken. / Staub in der Sonne und Erinnerung in den Winkeln / Warten auf den Wind, der erstarrt gegenüber der toten Erde.« (T.S.Eliot, A Song for Simeon) Pfade für Einzelne, die abzweigen, wegführen von den Boulevards mit ihren Karusellen, Guillotinen – die Tempel nicht zu vergessen! Pfade, die, wie gesagt, wegführen, gleichwohl ständig auf die großen breiten Straßen wieder stoßen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)