Von Natur aus ist die menschliche Seele ein heimatloser Wanderer. Hinter der Philosophie steht das Bemühen, der Seele Heimat zu schenken, in das verwirrend Vielfältige der Erscheinungen ewige (zeitunabhängige) Koordinaten einzutragen. So gesehen erweist die Philosophie sich als ein Schublädchen im Schrank der Mathematik. Die Seele, Haus der Poesie, stirbt in einem fort; Mathematik will der Tempel sein auf den Friedhöfen, das Haus, welches die Seele vom Sterben erlösen, ihr eine Kammer des Bleibendürfens einrichten würde. Vergangene Woche in Triest das nächtliche Bargespräch mit einer Gruppe noch jüngerer Mathematiker aus Lyon. Meine Frage, womit Mathematik sich eigentlich befasse, beantwortete einer scharfsinnig: »Mathematik sucht den Unterschied zwischen der Leere und der Zahl Eins.« Ich übersetze das so: Im Meer des Unsagbaren (weil nicht Festhaltbaren, unablässig sich Wandelnden) die Brosame einer Silbe zu finden! Das Sichtbarmachen eines unwandelbaren Schattens wenigstens, den Gottes Namen würfe – ein anhaltendes Klangpartikel, das nie stürbe, im Wirbel der aufkeimenden und sterbenden Sprachen. Mathematik läßt, in ihrem Bemühen, Stege zu bauen, die über Abgründe uns gehen lassen, an ständiges Beten denken. Mathematik ist Glaube, Suche nach Halt und Trost, die Planke, an welche der Schiffbrüchige sich klammert. Poesie weiß sich, Stimmungen der Freude ausgesetzt und der Angst, als ein Kind der Wetter. Mathematik kniet im Tempel, will von Wettern unberührt sein. Die Poesie verfügt nichteinmal über einen Hut, sie irrt an den Geleisen entlang der Züge, die in die Ferne gehn, und hat nur den Mantel über die Schultern geworfen, den Mantel Adams und trägt Evas Wanderstiefel an den Füßen, die wundgequälte Ferse zu schützen. Mathematik (wie auch ihr Stiefkind: die Philosophie) ist Religion. Poesie gehört einer stündlich sich wandelnden Liturgie, gehört den Gesängen der Wetter. Mathematik steht für den Tempel, die Unwandelbarkeit des Altars; Poesie für die das synagogale Wesen herbstlich jesuanischer Fackeln. »Die Bettelkönigin, gestern angereist /aus Cordoba, bereitet ihren Auftritt vor. / Theaterbretter eines Herbstes! // Wann werden jene Stürme / kommen, / welche Augen aus den Bäumen reißen? / Wann die Pflugscharen der Angst? // Diese vierte Stunde weht seit jeher / wie die Pelerine der Nomaden; / diese vierte Stunde will eine bleiche Fremde geben, / will beim Sprechen überhaupt nicht husten. / O vierte Stunde eines Wahns.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)