Das Denken hört niemals auf, wo doch die Herzen der Maschinen zu schlagen aufhören und die Vögel vom Himmel stürzen werden. Vielleicht verbirgt sich im Begriff ›Denken‹ das, was wir unvollständig (mißverständlich in aller Regel) ›Ewigkeit‹ zu nennen geneigt sind. Das Denken verbindet uns mit den Altvorderen, mit den Verstorbenen, darüber hinaus mit der Natur, mit Gott selbst, mit Christus. Im Denken erkennen wir die Linie, die, Hauptschlagader des Universums, tragend sich durch alles hindurchzieht (und die infolgesdessen Grundlage auch der Kunst: des Tanzes, der Schrift, des Ornaments, des Grußes). Henri Matisse konnte sehr schön sagen: »Natürlich, der Kubismus interessierte mich, aber er hat mein tiefes Gefühl für die Sinne und meine große Liebe für die Linie, die Arabeske, jene Trägerin des Lebens, nicht angesprochen.« Sofern wir stürben, würden wir im Flußbett des Denkens weitergetragen werden – und das ICH, die Zusammenschau des wiedererkennbar Individuellen, schriebe sich, unberührt vom Zerbersten alles Leibhaftigen, tatsächlich fort. Das Denken hört niemals auf.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)