»Unter dem Sowjetregime war es dann so, dass ein falscher Akkord genügte und man wurde verfolgt. Damit hatte man eine gewisse Bedeutung, selbst wenn es im negativen Sinne war….Heute kann man den richtigen oder den falschen Akkord wählen und überhaupt niemand nimmt Notiz davon.« Worauf Valentin Silvestrov ironisch eher hinweist, daß dem künstlerischen Ausdruck gegenwärtig, in den westlichen Demokratien jedenfalls, Grenzen kaum mehr gesetzt sind, und insofern eine Relativierung zu verzeichnen sei, erlaubt die Annahme, die Tyrannis begünstige das Hervorbringen großer Werke. Indes man kaum aus diesem Grunde für ein Wiederaufflammen des Grausamen votieren möchte. Verzichten wir eher auf das Gewichtige, Bedeutende; lassen wir es zu, daß wir alle der Mittelmäßigkeit gehören, jedoch, was die Gestaltung des Alltags anbelangt, tun und lassen können, was wir wollen. Das Werk als solches mag in den Hintergrund treten – einer Fetischisierung der Person, des Künstlers, wird umso eifriger Tribut gezollt. Allerdings führt diese Gedankenfolge, die dem politischen Umfeld Bedeutung einräumt, in die falsche Richtung. In der Tat scheint Silvestrov kunstimmanent zu denken. Der Weg des Schaffens selbst weiß sich einer unablässigen Veränderung unterworfen. Ein religiöser Denker und Künstler vom Range Silvestrovs fragt, wonach zu fragen heute kaum noch jemand die Macht hat: Sofern dem Kunstwerk ein Offenbarungscharakter eignet – was bereitet sich in Hinsicht auf das Göttliche vor angesichts der offensichtlichen Relativierung der Inhalte (angesichts auch einer veränderten Haltung der Öffentlichkeit dem Kunstschaffen gegenüber – eben in dem oben bereits angesprochenen Sinn, daß der Person des Schaffenden Aufmerksamkeit über die Maßen entgegengebracht wird)? Dürfen wir einer neuen Offenbarung entgegensehen? Verlöre die künstlerische Tätigkeit als solche an Bedeutung, sähe sich zurückgedrängt in hintere Ränge – daß ein Neues, Ungesehenes die Bühne beträte? Oder ganz im Gegenteil: Das vergleichsweise belangslose Tun in den Ateliers und Stuben – würde es stehen für eine Zeit, in welcher die Kräfte sich sammelten zu entschiedenerem und wilderem Einstehen für die Christuskraft? Die Religion müßte den Weg ins Exil der Kunst antreten? In den Gärten der Kunst stünde der Baum des Lebens? Erbarme Dich, Kyrie! Die Geistlosigkeit des öffentlichen Gestammels und Getues ist kaum mehr zu ertragen – gleichwohl muß man sich selbst als Teil dieses Öffentlichen verstehen; ausgeschlossen, sich darüber zu erheben. Wer wäre frei von Zeitgeistlichem? Erbarme Dich, Kyrie! Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß andere (göttliche, in Menschensprache nicht sagbare) Großwetterlagen über unsere arme Erde kommen. »Immer noch berühren große Wetter (Fronten & leergeweinte Eimer der Zeit) die Stirn« ––– so eine Kapitelüberschrift des Romanmanuskripts; in Hinsicht auf das hier Ausgeführte müßte man abändern und sagen: »Wieder berühren große Wetter….« Ich gehe ans Ufer hinunter des Rheins und suche nach einzelnen Buchstaben, die wie Früchte von Edelkastanien im Gras des Wegrands lägen.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)