Straßen der Studentenstädte in Europa überall. Das oft wunderbar verzauberte Gekleidetsein der jungen Menschen, das Übereinandertragen der Stoffe alter Herkunft (Flanell und Serge de Nîmes, Kaschmir, Cord ), locker das Um-den-Hals-Geschwungensein der Schals, die Stiefeletten, Turnschuhe, die weiten Mäntel, Fahrräder, eine Melodie noch auf den Lippen ––– manchmal denke ich, im schlichten Leben des Erscheinungsbildes verbürge sich mehr an Widerstand als in allem verzwungen politischen Tun (das doch stets ein Moment des Uniformierten in sich trägt). Die vermessene, ausgerechnete Welt der Tyrannis (beispielhaft dafür stehe das Beckett’sche Quadrat, »Quadrat I & II«) fürchtet sich viel mehr vor dem wehenden Schal, den Ziegelsteinmauern der Mäntel, der Baskenmütze – als vor dem Manifest, der Deklamation, der parlamentarischen Inszenierung. Im ungeordnet wilden Flug des Fahrradfahrers vor Tagesanbruch (»prìn pháous«) blüht das Leben, der kostbare Wein, der Atem, das Wissen, daß wir in Gott hinein sterben. Elegant und einfach zu leben aus der Poesie! Die Scheu (aidōs), der Adel melancholischen Lächelns, eine Hinnahme des Scheiterns in weltlichen Kontexten, das Aufstöbern der Christusschönheit in den Gräsern des Rieds (abseits der mörderischen Spuren, welche die politische Welt hinterläßt). 1886 starb im Alter von 56 Jahren die tief gläubige, hölderlinesque protestantische Dichterin Emily Dickinson, eine Große und Notwendige der Weltliteratur, die ihr ganzes Leben einzelgängerisch, schick gekleidet, verschwiegen in der Landeinsamkeit von Amherst, Massachusetts, zugebracht. Ihr Erscheinungsbild läßt mich an eine niederländische Studentenstadt denken. Ihr, Emily Dickinson, verdanken wir die Strophe: »Beauty crowds me till I die / Beauty mercy have on me / But if I expire today / Let it be in sight of thee«.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)