Ezra Pound hat Eliots früheren Entwurf zu »The Waste Land« zusammengestrichen, um zwei Drittel gekürzt. Vielleicht bedeutet ›Göttliches Gericht‹ in diesem Sinne, daß das wild übereinandergeschriebene, ausufernde, verrückte und doch zugleich auch einsame, absurd vor sich hin gewucherte Manuskript unserer Biographie auf ein sozusagen Wesentliches zurückgeordnet, wie ein Baum oder Weinstock im späten Winter zurückgeschnitten, die Schönheit des Gewordenen unterm Gestrüpp entdeckt, gefunden wird. Der Favela würde sozusagen eine Infrastruktur eingeschrieben. Das andere, entgegengesetzte Denkmodell: Daß das ereignishaft Gewachsene des Lebens im Grunde arm und karg und in eine Fülle dann erst hineinentwickelt, die Linien des Lebens ausgezogen und ergänzt, die Steppe in einen überbordend fruchtbringenden Garten verwandelt würde? Darf das Kunstwerk, in Anlehnung an »The Waste Land«, als ein aus der Materialfülle Herausgefiltertes begriffen bzw. umgekehrt, ich denke an die »Recherche« des Marcel Proust, in eine unermeßliche Blüte mählich hinein Entstehendes, Wachsendes verstanden werden? Kommen wir, die Welt betretend, aus überbordendem Reichtum, bedeutete Altern ein stetiges Reduziertwerden – oder erscheinen wir aus der streng geordneten (recht eigentlich eher ärmeren) Ideenwelt und verlieren uns im Durcheinander und Ineinander der Klimmzüge und übrigen Anstrengungen eines Hefte und Leitzordner füllenden, Entwürfe sammelnden Protokolls?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)