In der Konstanzer Altstadt die zahlreichen »Stolpersteine« ( goldene, pflastersteingroße Gedenktäfelchen vor Häusern, in welchen jüdische Bürger gewohnt, die der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt waren, die verschleppt, gefoltert, ermordet, in den Suizid getrieben wurden). Ich beobachte ein vielleicht achtjähriges Schulkind, das niederkniet und mit einem Papiertaschentuch einen dieser Steine geduldig reinigt. Möchte das Kind den Staub des Vergessens wegwischen, der sich im Laufe der Jahre als Schicht einer Gleichgültigkeit der Vorübergehenden auf das Gold gelegt? Würde das Kind die Absicht verfolgen, den Namen eines Verfolgten sozusagen als Epitaph herausheben zu wollen aus drohender Anonymität? Ich weiß es nicht. Jedenfalls läßt das kindliche Tun an eine mögliche Geste dieses oder jenes Engels denken: Engel, die Sorge dafür trügen, daß unsere Namen mehr als Schall und Rauch, unser Hiersein sich nicht auflösen würde in nacktem Gewesensein. Vielleicht sollten wir die Auferstehung gar nicht so sehr ereignishaft denken (dem Ereignis keinen Ausschließlichkeitsanspruch zugestehen)– vielmehr dies Insistieren auf einem Bleibenden unterstreichen, eine Kontinuität des Lebens über die Mauerstürze des Sterbens hinaus predigen. Karl Rahner hat in einer sehr späten Notiz gefordert, Auferstehung als ganz und gar Anderes, total Neues zu verstehen. Ich hätte die Stelle, wo er darauf zu sprechen kommt, gerne zitiert; finde allerdings das Buch nicht, wo seine Äußerung hierzu stünde (ach, diese Hauptstadt der Bücher, die über die Wände gewachsen meiner Wohnung; in welcher es zahlreiche Gassen und Höfe gibt, die aufzuspüren viel Mühe und Zeit einforderte). Ich widerspreche Karl Rahner entschieden. Tatsächlich glaube ich, daß es unterirdische Gänge und Stollen gibt, die unser Hiersein verbinden mit dem Kontinent der Engel. Es gibt Beobachtungstürme, von wo aus man hinüberschauen kann. Der Türmer Lynkeus aus Goethes Faust ist das große Vorbild des Schauenden. Möglicherweise ist die Dichtkunst nichts anderes als so ein Verbundensein mit »Drüben«, so ein Kriechen durch Verbindungstunnel – die Dichter empfinden die Nähe des spirituellen Königreichs, sie beobachten die Vogelzüge, das Hingehn der anderen Flüsse, sie wissen um jenes Bleibende des Namens, welches für die Bewahrung einer unzerstörbar personalen Verfaßtheit unseres Ichs stünde (»Ce sera tout à fait comme dans cette vie. La même chambre.« O.V.de L. Miłosz, aus: Symphonie de Novembre). Mit welcher Sorgfalt das Schulkind den Stolperstein reinigt!

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)