Das adventliche Aufscheinen des Christus ––– es greift entschieden zu kurz, dieses unvergleichbar messianische Ereignis des Heiligen in den Dimensionen verrinnender Zeit, als chronologisch gedachtes Zukünftiges zu deuten (auch wenn dies vielerorts von den Kanzeln herab so verkündet wird). Ich neige dazu, das Geschehen als Sichtbarwerden eines Verborgenen zu lesen. Die Herrschaft des Christus existiert im Verborgenen. Sein »Ich bin da, als der, der da ist« regt den Vergleich an mit einem unsichtbaren Tempel, bzw. einer unsichtbaren Synagoge. Jesus ist die unsichtbare Synagoge im Kosmos. Jesus ist die unsichtbare Synagoge in meinem Leben. Und »Advent« bedeutet: Die Gegenwart Jesu tritt, als jeweilig seelisches Geschehen, aus der Verborgenheit heraus und errichtet die synagogale Hütte der Geist-Herrschaft im Seelenland des Einzelnen, in seinen Erinnerungen (den erinnerten Festlichkeiten auch), seinen Süchten, seinen Niederlagen, auf dem Ackerboden seiner Imagination. Advent entspricht einem Füllen des Krugs. In meine Seelenleere mündet der große Strom der Tanzschritte Jesu. Mein Dasein wird ergriffen vom Heiligen. Ich spreche das Wort aus, das ich seit meiner Geburt in mir trage (was einem Niederfallen vor Ihm gleichkommt, einem Streuen der Zweige auf den Weg). Ich sage, das hochgebaute Schiff der irdisch diesseitigen Lebensverwaltung gewahrend in der Brühe eines Morgens, das Wort: »Anthrakiá« (Kohlenfeuer). Nur dieses eine, seit jeher in mir wohnende, auf ein Ausgesprochenwerden wartende Wort steigt auf aus meiner Seele: »Anthrakiá«! Jesus hat das Feuer angezündet am Ufer meines Hierseins (vgl. Joh. 21, 9). Indem ich das Urwort meiner Biographie ausspreche, grüße ich andächtig wie ehrfürchtig den Heiligen Gottes. »Das Wort ist die stille Stimme des Grußes. Im Grüßen waltet das Sanfte.« (Martin Heidegger, GA 74 / S. 73) Der Gruß sagt: »Mir ist Erbarmung widerfahren«. Vielstrophig das Grau des Sees (Anklang an ein babylonisch vielsprachiges Anthrazit kriegszerstörter Städte). Ein Geschlecht kommt, ein anderes geht. »Wächter, wie lange dauert noch die Nacht«? (Jes. 21, 11)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)