Manche nehmen an, Gedichte seien Steine, die man aufläse an den Ufern der Tage; kurzerhand verwendete Einfälle, Blicke über die Schulter. Tatsächlich wachsen Gedichte wie die Riesen aus Gn. 6,4 über Generationen heran (werden buchstäblich ausgetragen in Seelen jahrhundertlang). Ich spreche vom notwendigen Gedicht – das natürlich in demütiger Gestalt als Kalenderblatt, als Herbeigewehtes auftreten wird. Jedes Gehabe ist einem solchen Gedicht fremd. Johann Gottfried Herder bezichtigt die Philosophie der Aufklärung einer Kälte, die ein »Zergliederungs-Messer in der Hand« halte. Im Grunde fände man, würde man nur geduldig graben, in den hochemotionalen Gedichten eines Antonio Machado etwa, unter dem Mantel der scheinbar beliebig gewählten Metapher, jenes Aufklärerische, Zergliedernde, Überkritische. Im Gedicht erreicht kritisches Erkennen den Höhepunkt schlechthin. Im Gedicht wirken das Zergliederungs-Messer und die Vogelzüge der Metaphern zusammen. Das Gedicht ist alt. Das Gedicht hat ein altes Gesicht. Auch die Gedichte Trakls und Rimbauds kommen hergezogen aus der Tiefe der Jahrhunderte und Jahrtausende (weil eben nicht aus dem Augenblick einer Person herausgeboren). In jedem notwendigen Gedicht stößt der geduldige und aufmerksame Leser sehr wohl auf Schichten von Homer, Heiliger Bibel, Schichten von Sappho, Gilgamesch-Epos und Heraklit, auf Splitter der griechischen Tragödie; entsprechend durchwaltet der Auferstehungsgeist Jesu den Leib der Poesie. »Von Seegewittern etwa überzuckert die Galeeren. / Auf dem Weg nach Hause begegnen wir Vaganten, / die in den Gassen aufspielen und zaubern. Das uralte Lied.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)