Föhnwind läßt die Alpenkette in scharfkantiger Zeichnung aus dem Zwielicht der Regentage halbstundenlang hervortreten. Eine solche Klarheit hat ihre Entsprechung in der Philosophie Spinozas. Gott als Allumfassendes, Allgründendes steht vergleichbar eindeutig vor unserem geistigen Auge. Gott existiere notwendig, Gott sei in der Weise, daß alles von ihm abhänge, daß nichts ohne ihn sein noch begriffen werden könne, daß alles von Gott vorherbestimmt sei, »und zwar nicht durch Freiheit des Willens oder durch ein unbedingtes Gutdünken, sondern durch Gottes unbedingte Natur oder unendliche Macht.« Es ist der stille Gott, der eben an die in sich gekehrte Vorhandenheit der so klar herausstechenden Alpenreihe denken läßt. Man möchte kindlich gestimmt ausrufen: Er ist einfach da. Spinoza schaut Gott gewissermaßen am siebten Tag der Schöpfung, an seinem Schabbat. Gott als Tempel, in sich ruhende Mächtigkeit. Man kann schwer nur nachvollziehen, daß Spinoza seines Denkens wegen Anfeindungen und Verleumdungen ausgesetzt war. Gäbe es Gotteserkenntnis ohne diesen spinozistischen Aspekt. Wandern Spinozas Denkfiguren wie leise Stimmen von Streichinstrumenten nicht unablässig im Hintergrund unserer Erfahrungen auf und ab? Spinozas Schau – sollte sie nicht Anfang und Ende sein des Glaubens? Steuert die umfassende Korintherbrieftheologie etwa nicht auf die panentheistische Aussage in 1. Kor. 15, 28 zu: »damit Gott sei alles in allem.« Einmal mehr: Anfang und Ende der Philosophie und des Glaubens. Der stille (sich verströmende, keineswegs versteinerte, erstarrte) Gott aus Hölderlins Friedensfeier: »Denn schonend rührt des Maßes allzeit kundig / Nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen / Ein Gott an, unversehn, und keiner weiß es, wenn?« Gotterleben vor und nach dem Gemetzel und den Exzessen einer sich selbst feiernden Dummheit und Niedertracht. Ungeachtet der lange währenden Trockenheit von Ende April bis Mitte November stehen Bäume vereinzelt immer noch im Laub. Wieviele Winter noch werden einfallen in die Städte? Wann werden die Wölfe wiederkehren (jene der Nadeschda Jakowlewna Mandelstam – ich denke an ihr erschütterndes Werk »Das Jahrhundert der Wölfe«)? Zuweilen überfällt mich der traurige Gedanke, daß alles Bücherschreiben vergeblich (vgl. Prediger 11, 12). Ich weise hin auf den alles verschlingenden Tsunami aus Buchstaben und Zahlen, der jeden Tag über uns hereinbricht. Wider ein Entmutigtsein setze ich dann die Erinnerung an den johanneischen Logos (Joh. 1, 1ff.) Unter all dem Schutt findet sich das EINE Wort. Spinoza wußte darum. Auf der Suche stets nach diesem Wort aller Worte, nehme ich den Mantel vom Kleiderhaken, öffne die Wohnungstür, steige durchs Treppenhaus hinunter, trete auf die Straße hinaus. Meine Hand streicht über die Stirn des Tags.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)