Was soll es denn bedeuten, wenn jemand sagt, er dürfe auf ein reiches und abenteuerliches Leben zurückschauen? Worin bestünde der Unterschied zwischen einem Hineingeworfensein ins Wilde einerseits (in die unvergleichlich dichte Ereignisfolge, in den Veranstaltungswahn der Gestalter und Macher, ins ununterbrochene Reisen hierhin und dorthin) – und einem Herumsitzen lebenslang auf der Bank am Ufer eines Flusses andererseits (einem Leben karger Gespräche, endlosen Betrachtens der immergleichen Dinge, einem Leben ohne Reisen, einem Vergeuden von Zeit an der Seite ganz weniger, vertrauter Menschen)? Welches Hiersein wäre reicher? Ob ich sieben Sprachen fließend beherrsche oder einem einzigen Bergbewohnerdialekt gehöre – stets regiert der Uraltirrtum, als ob wir gestaltend die Tage zu verbringen begabt wären. Tatsächlich zieht das Leben an uns allen vorüber. Es ist reich in sich, was an Vielstimmigkeit aus dem Krug geschüttet wird (unabhängig davon, welche Schritte wir tun, ob wir betrunken und lärmüberschüttet über die Tanzflächen fliegen der Metropolen oder eben nur alleine spazierengehen am Stadtrand): »Was alles sich zuträgt vor den Augen in den Obstplantagen, / wieviel an Abenteuer sich verbirgt in einer halben Stunde zwischen den Gesprächen vor der Postfiliale! / Die Tage sind, den Bäumen des späten Sommers vermählt, mit Früchten beladen, die reif und müd. / Wir vergessen nur zu ernten, vergessen ständig, das Geschaute wie Hündchen abends durch den Park zu führen. / Das Vorüberstürzen großer Bilder hat kein Ende.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)