Der ukrainische Gelehrte Leo Isaakowitsch Schestow lebt 1914 in der Schweiz, in Coppet. Er sitzt u.a. über einer philosophischen Studie, Martin Luther und dessen Kirchenverständnis betreffend. Infolge des Kriegsausbruchs sieht er sich genötigt, nach Rußland zurückzukehren – kann allerdings nicht umhin, seine äußerst umfangreiche Bibliothek in der Schweiz zurückzulassen. Die Vorstellung, ich müßte in irgendeine Ferne aufbrechen, ohne meine wohl nicht weniger umfangreiche Bibliothek, versetzt mich in Angstzustände. Könnte ich ohne meine Bücher leben? Wenn es dazu käme, würde ich nicht gefragt werden. Man wird schlicht weggerissen, würde fliehen in andere Länder, andere Städte – und dort in öffentlichen Bibliotheken jene Texte wieder aufstöbern, die einem alles bedeuten. Tröstlich der Gedanke, daß unser Leben letztlich ein Buch. Wer wird dieses Buch aufschlagen, darin blättern, hier und dort gründlicher in den Text sich vertiefen? Private und öffentliche Bibliotheken sind der Gefahr des Feuers ausgesetzt, der Zerstörung, der Vernichtung. An das Buch, das mein Leben darstellt, kann niemand Hand anlegen. Jeder Brandstifter wird daran vorüberstolpern.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)