Walter Benjamin betreffend, wird überliefert, er habe, hinsichtlich des Gebrauchs der französischen Sprache, grammatikalisch exakt, auch, von der Aussprache her, anständig, jedoch auffallend langsam gesprochen. Heute geht die Entwicklung, jedenfalls im Deutschen (nicht zuletzt im süddeutschen Raum), dahin, sich geschwind und geschwinder der Sprache zu bedienen. Radio, Fernsehen, Internet — die Heutigen sind sprachlich wie ein TGV, mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs; dazuhin nehme ich wahr, daß, sofern man öffentlich auftritt, wild gestikuliert wird (die Hände schnellen wie stürzende und steigende Möwen geschwind auf und ab). Ich vermisse das Bedächtige. Mir wird nachgesagt, ich habe, als Kanzelredner, soooo langsam gesprochen – und immer wieder habe mein Blick sich während längerer Unterbrechungen (allerdings ein rhythmisch schön gefügtes Innehalten) in der Leere suchend sich verloren (manche gab es, die Wort für Wort meiner Predigten haben mitschreiben können). Nun aber die Sehnsucht nach gemächlichem Sprechen, gründlichem Abwägen, nach einem Herumstehen und in die Leere schauen nichts mit dem Älterwerden zu tun hat (was man ja leicht vermuten könnte). Ich habe als Kind bereits, wie berichtet wird, halbstundenlang versonnen im Garten hinterm Ludwigsburger Elternhaus stehen und in die Luft schauen, bzw., den Blick auf die Erde gerichtet, den Weg einer einzigen Ameise von Staubkorn zu Staubkorn geduldig verfolgen können. Das Geschwind- und Geschwinderwerden der Heutigen hängt zusammen mit der zunehmenden Schärfe der uns heimsuchenden Winde, die immer häufiger als Stürme aufzutreten geneigt sind. Man ist versucht, und kann vermutlich anders gar nicht, eine Haltlung der Entschiedenheit entgegenzusetzen, gegen die Wildheit der Luft sich zu stemmen dadurch, daß man plappert, den Schnellzug der Sprache in Bewegung setzt. Das Milde, Linde, Versonnene ist im Begriff, von der Bühne abzutreten (und wird über einen längeren Zeitraum hin wohl auf den nächsten Auftritt warten müssen). Wer langsam und zögerlich der Sprache sich bedient, steht im Verdacht, lau zu erscheinen — und man scheint zu wissen, daß die Lauen ausgestoßen werden (vgl. Offb. 3, 16). Ich gebe zu bedenken, daß gerade das Rezitieren von Lyrik (und ich gehe davon aus, daß die großen Prosafugen gleichermaßen aus dem Lehm des Poetischen gebaut sind) nach einem behutsamen, tastenden, feinen, zuweilen ausgesprochen langsamen, gestisch armen Sprechen rufen; die Armut des Gestischen darf als Selbstverständlichkeit verstanden werden. Der Rezitierende steht einsam, einsam, einsam auf der Bühne wie das Kind im Garten hinterm Elternhaus. Der Rezitierende vergißt nahezu, was zu sagen ihm aufgetragen, er verliert im Anblick der Spinne sich, die über den Bühnenvorhang klettert. Oskar Loerke bezeichnete Jesus als langsamen Mann.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)