Ich teile die Auffassung Nietzsches, die Jakob Taubes in einem Stuttgarter Vortrag der Neunzigerjahre, dem ich beiwohnen durfte, leidenschaftlich unterstrichen: daß im Corpus paulinischen Schrifttums (ausgezeichneterweise im Römerbrief) die Wege antiken Dichtens & Denkens, Weltgestaltens, religiösen Empfindens sich kreuzen. Nicht dürfen paulinische Texte (in einem ausgesprochen langweiligen Sinn) als Summe, Zusammenfassung buchstabiert werden. Im Setzen der Schriftzeichen kann Paulus sich vielmehr berufen auf eine essentielle Stimmung, auf das Durchwaltetsein eines von weither strömenden Atems. Es ist die akmé, der Höhepunkt – Paulus steht auf einem Felsvorsprung und überschaut die Landschaften, die ägyptischen, hebräischen, vorsokratischen, platonischen, aristotelischen, sappho-pindarschen Landstriche und wird in eine besondere, einzigartige, bis heute nicht wirklich ausgedeutete Inspiration hineingerufen. Hölderlin und Schelling haben es bereits geahnt: der Bruchteil eines paulinischen Begriffes, der heranflutend Treibgut mitbringt von überallher, ist ein hochragendes, oft ruinenhaftes Gemäuer – aber alles erscheint als wesentlich und meint immer etwas anderes als wir anzunehmen geneigt sind. Was versteht Paulus unter Habgier, Bosheit, Niedertracht? Er deutet nicht einfach auf ein Verwerfliches. Paulus denkt eher an Koffer und Rucksack, an Gepäck, das der einzelne aus der Adamsdämmerung heraustragen muß. Jeder einzelne Begriff lädt ein, einen umfassenden Romanessay mit ausufernd poetischen Passagen zu entwerfen, um dann zwanzig Jahre darüberzusitzen, am Wortlaut zu feilen. Ich stand immer wieder kurz davor, mich darauf einzulassen (zumal ich nächtelang über einzelnen Paulus-Versen gebrütet) – dann hat eine Art Angst mich zurückgehalten, die Hallen zu betreten, durch welche Rauchschwalben pfeilschnell schießen. Es sind antike Hallen durchaus. Darin aber webt ein messianisch-poetischer Geist, der, viel mehr darstellend als ein Zitat, ins Kommende nicht nur weist, sondern es tatsächlich betritt. Wir können stets nur hinterhereilen. Paulus sitzt in den Gefängniszellen eisiger Winter, in Kerkern der höchsten Hitzesommer, er geht über die Meere, quert Wüsten, sitzt am Straßenrand bettelnd oder im Sterne-Restaurant bei einem Glas denkbar köstlichsten Weines. Paulus hat begriffen, was Algorithmen sind, er hat Kafkas Träume bereits geträumt. Die Texte sind offen: man kann sie Richtung Vergangenheit lesen oder Richtung Zukünftiges; man kann aber auch die Hand aufhalten des Geistes und sich ein Stück Brot der Gottgegenwart reichen lassen. Paulus lesen ist Knien, Spazierengehen, Bergwandern, Bus- und U-Bahnfahren, Sitzen und Wegschauen. Es läßt mich staunen, daß es wenige Zeitgenossen gibt, die Paulus lesen (wenigstens einfach nur lesen würden). Was hat Pascal, Kierkegaard, Wittgenstein angezogen? Muß das als Zufall genommen werden, daß die Tiefsinnigsten und Elegantesten unter den Denkern, den Dichtern vom paulinischen Schrifttum fasziniert waren? Ich weiß es nicht. Ich habe nie irgendetwas verstanden. Mein Wesen war ständig das des Vogelflugs, des in der Ferne sich verlierenden –––

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)