Der Himmel ist wie ein Bücherstapel bunt und den Titeln entsprechend versammelt er unzählig viele Themen in sich – die wir als Fragen wiederum auf den Schultern mit uns herumtragen. In der Ferne die eindrucksvoll helle Fassade des Schlosses Gottlieben: als ob die Spachteln der Schwalbenflügel sonnengesättigte Erde aufgetragen, übereinandergeschichtet. Ich wollte tagelang hinschauen und sehen wie der Großbuchstabe von Schloß unterm Tiefdunkel eines Firmamentausschnittes leuchtet um die dezemberliche Mittagsstunde. Augenblicklich indes, als ob ein Schwarm altpapierwilder Krähen ins Sichtfeld hereingebrochen, taucht der Gedanke auf aus der Tiefe der Geschichte, daß hinter diesen Mauern des altkonstanzer Anwesens Hieronymus von Prag und Jan Hus auf ihre Hinrichtung gewartet. Vermeintlich unbeschwerter Glanz ist nie frei vom Tintenfleck abgründiger Trauer. Dermaßen vieldeutig, was wir gewahren. Umgekehrt unter häßlich von Industriebauten und Parkplätzen zerfressenen Siedlungsrändern die Schönheit verschüttet liegt: Schmuck vielleicht eines keltischen Grabs, Fresken auf Wänden halb zusammengesunkener Höhlen, das verlorene Heft eines großen Malers, Erde einfach, vollgesogen von der Erinnerung an Umarmungen, die unsterblich waren und warten, bis sie wieder das Tageslicht erblicken in vielhundert Jahren. Søren Kierkegaard beharrte darauf, daß jedem Lebensentwurf unabdingbar eine Entscheidung zu Grunde läge; dabei er nicht an kleine Entscheidungen dachte, wann ich etwa eine Party verlassen und mich nach Hause begeben würde, dies unablässige Hin- und Hergeworfensein im Alltag, dies ständige Wählenmüssen – Kierkegaard befand: Jedes Ich müsse sich entscheiden, ob es das Leben als aus sich selbst herausgeboren begreife, oder als ein von Gott uns zugesprochenes Gut. Anders gewendet: Ist die Schönheit ein erster Eindruck, ein Löschblatt, das bei genauerem Hinsehen sich einfärbt mit Traurigem, Bitterem (die einsam schöne Schloßfassade kann die Erinnerung an das Kerkersiechtum eines Jan Hus nicht verdecken) – oder ist umgekehrt das Grausame, Absurde immer schon da und verbirgt sich dahinter letztgültig die Schönheit (daß die Schönheit ein Äußerstes wäre im Sinne von 1. Kor. 15, 28)? Im Sinne einer Letztgültigkeit gefragt: Webt Schönheit an der Oberfläche nur, kann sie einem strengen Nachfragen nicht standhalten? Oder ist Schönheit ein wesentlich Ursprüngliches, ein Unanfechtbares, das aus einer anderen Welt herüberstrahlt?

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)