Eine Schulklasse stürmt das Café. Die Kinder, sie dürften um die zwölf Jahre alt sein, erobern die Tische, fluten den Raum, reden durcheinander, rufen entfernt Sitzenden etwas zu. Es wirkt beruhigend, zu gewahren, daß, in allem Wandel, die Kinder als Kinder ein Beständiges repräsentieren: die Zeit der späten Kindheit, wie sie zu allen Zeiten sich ausgenommen, wie sie auch zukünftig gelebt werden wird. Man möchte in solchen Augenblicken gar nicht ans Kommende denken; möchte im Anarchischen, wie es minutenlang einem vor Augen glüht, glücklich versinken, die Garbe betrachten, wie sie schwankt im Wind und gar nichts anderes tut. Gleichwohl ertappe ich mich dabei, wie meine Gedanken um einen Rilkevers kreisen: »Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.«(Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth, v. 156) Es ist die Sorglosigkeit des Kindseindürfens, wie es wenigstens in der Schulklassengemeinschaft zeitweilig erfahren werden darf, die mich an die Kriege denken läßt, die, kalt und berechnend, in jedem einzelnen und um ihn her sich ereignen. Man mag unendlich gelangweilt und gleichförmig vor sich hinleben – was die Denk- und Wahrnehmungsvielfalt anbelangt, zeigt unser Hiersein sich als anarchisch, wild und polyglott: »Kein Brot im Haus // Mein Vater wischt vom Saxophon den Staub / er küßt es / bläst darauf / Bei den ersten Tönen legen die rußgeschwärzten bärtigen Männer die Preßlufthämmer nieder / die Kinder hören auf zu spielen / die Frauen laufen ins Haus und weinen / Fasziniert beschnuppern ihn, den Vater, Hunde und Katzen / Närrisch stimmen die Vögel in Terzen mit ein / Das Gras im Garten beginnt zu wachsen / Die Lilie erblüht und unsere Armut vergeht.« (Jovan Nikolić)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)