Gab es je eine Zeit, in welcher vergleichbar intensiv die Bedeutung der Diskussion, der gegenseitigen Aussprache herausgestellt wurde. Das Gespräch als ein Heilendes. Gesprächstherapie. »Darüber müssen wir uns austauschen. Vielleicht können wir eine Einigung erzielen« – das hört man allabendlich im Radio jemand sagen. Das Gespräch gilt als Inbegriff der Humanität. Für Hölderlin ist die Sprache ein der Gottursprünglichkeit sich verdankendes Heiligtum, ohne welches Menschsein gar nicht gedacht werden kann. Das Gespräch als Medium, das eine versöhnte, höhere Form des Daseins aufscheinen läßt: »Viel hat von Morgen an, / Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander, / Erfahren der Mensch: bald sind wir aber Gesang.« (Friedensfeier, v. 91ff.) Sprache in diesem Sinne als geistiges »Bündnis« zwischen dem Menschen und den (ich möchte ergänzen: barmherzigen) Mächten (vgl. v.95f.). Entsprechendes Denken erweist sich angesiedelt im Echoraum Rousseau’scher Erwägungen, trägt die Farben der französischen Revolution, spiegelt aufklärerisches Gedankengut. Verstörend dagegen das Wort des Denis Diderot, eines Zeitgenossen von Jean-Jacques Rousseau: »Sprecht euch nicht aus miteinander, wenn ihr euch verstehen wollt.« Bei Diderot obwaltet Skepsis. Nicht, daß er zur Lüge aufgerufen hätte; er achtet das Verschweigen dessen, was einen im Innersten wirklich bewegt. Er mißtraut einer vollkommenen Offenheit – diese, so Diderot, gäbe es nicht, eine solche führe zwangsläufig in die Verlogenheit. Wiederum könnte man einwenden, das Diderot’sche Verschweigen fände sich im Gesichtsausdruck des KGB-Offiziers am authentischsten widergespiegelt ––– Klavierklänge, die schwer, wie ein alter Wein. Zweifellos ist die Offenheit für das Gespräch ein Wesentliches, ein entschieden Humanes; gleichzeitig gilt, daß man nicht wirklich vollständig wiederzugeben vermag, was einen bewegt (es bleibt der nicht aussprechbare Rest). Ein ums andere Mal zerbrechen unsere Gedanken an den Ufermauern der Nacht. Die vollkommene Offenheit kann man ausschließlich Gott entgegenbringen – wer sonst könnte die Erdschicht von Schweigen, die unsere Person wesentlich mitbegründet, deuten? Immer wieder die Erfahrung, daß unsere Hände (im Sinne einer Schlußendlichkeit) leer, daß wir mit leeren Händen nur vor dem Geheimnis ausharren können. Die französische Revolution ist Ausdruck einer unendlichen Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Die französische Revolution hat die Idee der Ermordung Andersdenkender hervorgebracht. Ausgeliefert an die Tragödie, kann Dichtung nur (das Dichterische aller Künste) trösten – dann kommt Samuel Beckett und führt wiederum diesen letzten Trost ad absurdum. Es bleibt dabei: Mit leeren Händen und leeren Augen stehen wir vor Gott. Die Lippen desjenigen, der diese Gedankenkette mitdenkt, sich nicht abwendet und das Buch zuklappt, werden, unaufgefordert und leise, zwei Worte stimmlos bilden: »Erbarme Dich!« Wir wandern weiter durch die Zeit. »Weißt Du, das Mäntelchen des Tags, /sehr schmutzig, ist ja viel zu leicht, /zu bunt für diese Monate des Frosts.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)