Groningen, die nach Metaphysik duftende Stadt — ich sitze zu nachmitternächtlicher Stunde an einem der hundert Kanäle. In mir die Erinnerung an die vielen vormals memorierten Strophen aus den Jahrhunderten der Literatur; die Erinnerung auch an Psalmen, Propheten- und Evangelienzitate, an ganze Kapitel paulinischer Briefe, die seit Kindheitstagen angestaunte Johannesapokalypse; die Erinnerung an antikes Schrifttum (Homer insbesondere)— den Vorhang des nicht allzufernen Autobahnlärms deute ich, keineswegs weinerlich, frohgemut geradezu, als stimmbrüchiges Lodern eines nunmehr bereits postweihnachtlichen Windes. Ich streite gegen die Kulissen einer nihilistischen Geisteshaltung, begreife intensiver als je zuvor die Bedeutung des frohgemuten Insistierens auf Heiterkeit. Weine nicht! Es ist noch nichts verloren. Meine Finger zupfen an Fransen zahlenmäßig nicht erfaßbarer Zeit. Das Geheimnis des Kommendes übersteigt bei weitem die Summe der Ängste. »Von alldurchdringender Schönheit zeigt sich / der Giftmantel der Städte im Dunst der Algen // Der Tod ist ein Insekt das aus den Augen mir das Licht wird fressen / Wer wird den Puls mir kühlen / wenn einsilbig hinschlagen wird der Heurechen auf Kies // Alles Fragen zurücksinkt jetzt / beim Löschen spät der Lampe.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)