Tatsächlich scheinen sich zahlreiche Unterscheidungen aufzulösen in diesen Jahren der Angst. Nah und fern, Sozialismus und Kapitalismus, Prosa und Poesie, gut und böse, Himmel und Erde, die Fremde und die Heimat, winterlich und herbstlich, Pop und Klassik, Ferien und Alltag, das Kollektiv und der einzelne, Künstler und Arbeiter, Mann und Frau, Land und Meer — auch die verschiedensten Abstufungen innerhalb des Ichs gehen verloren; infolgedessen der Tanz der Aspekte erstarrt und über alles die Betonmasse eines uneingeschränkt herrschen wollenden Ichs sich legt. Angebrochen ist, Hölderlin zu bemühen, die Herrschaft des Frechen. Der erste unmittelbare Eindruck gewinnt an Bedeutung – wohingegen Suchen und Tasten und Andeuten zurückgedrängt werden. Eine hölderlinesque-celansche Poetik erschließt sich einer verschwindenden Minderheit nur noch. Auch erblindet das Auge für die Gegenwart des Heiligen Christus. Das Knie darf nicht gebeugt werden. Es gibt weder Sieg noch Niederlage; weder Melancholie noch Heiterkeit. Es braucht die Droge, welche die Seele ermordet. Allein die Wipfel der Hohen Esche schaukeln im giftigen Wind, geben ein Lächeln dem Land.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)