Der Gottesdienst in einer kleinen reformierten Dorfkirche vor den Toren Groningens ließ mich denken an eine Bach’sche Kantate: feierlich, frei von jedem falschen Pathos, Gebete, die ein Bitten waren (»Jesus Christus, öffne uns die Augen für den Auferstehungsglanz, der auf der Welt liegt…«), die Predigt von einer wahrhaftig biblischen, göttlich törichten Mächtigkeit (Predigt des Emeritus Luco van den Brom, der systematische Theologie gelehrt in Groningen: das weihnachtliche Licht gedeutet vom Osterlicht der Auferstehung her), die uralten Choräle herrlich gesungen von Frauen und Männern der reformierten Gemeinde — alles erinnerte an das sorgsam gefaltete Couvert der Bach-Kantate, den ganz entschieden an den einzelnen Gläubigen gerichteten Brief, die Handschrift des Thomas-Kantors also auf dem Briefumschlag. Gläubige Jesusliebe am letzten Sonntag des Jahres wie ein Bachlauf entlang der großen Autostraßen. Aus vier Stimmlagen wurde eine Brücke errichtet, über die man in den ungewissen Morgen hineingehen darf des Kommenden. Ach, meine liebe Oboe da caccia, die Bleistiftskizze einer suchenden Cello-Virtuosität — unterm Strich fände sich, geduldig ausgeschrieben, aneinandergereiht die schönsten Buchstaben unserer Sprache, jener Choral, welchen Friedrich Schleiermacher geliebt, und den man bezeichnenderweise aus dem Deutschen Evangelischen Gesangbuch gestrichen: »Es glänzet der Christen inwendiges Leben«. Getröstet, heiter gestimmt, verlasse ich die Kirche. Die Heiterkeit, die ich erwähne, will ein Niederknien sein auf dem Pflaster der Dorfstraße und das Zusammensammeln von Münzen, die Sonnenlicht über den Asphalt hin gestreut. Die grausame Welt und das Sterben. »Es glänzet der Christen inwendiges Leben«. Die alte Welt, verweinte Kinderaugen. »Es glänzet der Christen inwendiges Leben«. Ich sehe den Jesus meines Glaubens aus der Krankenhausbaracke treten, er hilft dem ehrwürdigen Kind, das gestorben ist, beim Herabsteigen dreier Stufen. »Wohin führst Du, Jesus, das verstorbene Kind?« Das Tor fällt hinter den beiden ins Schloß. Sie gehen Seite an Seite die abschüssige Straße hinunter. »Jesus Christus, öffne uns die Augen für den Auferstehungsglanz, der auf der Welt liegt.« In der Ferne kann ich die Wipfel ausmachen hoher Eschen (siehe den Eintrag vom 29. 12.) — Wipfel die schaukeln im giftigen Wind, die dem Land ein Lächeln schenken.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)