Die Welt wird nach André Breton auf einer Caféhausterrasse enden. Ich weiß nicht genau, was Breton mit dieser Vorstellung verband; denke aber, es sei uns, als gleichermaßen zu Grunde Gehende, vergönnt, nocheinmal einen langen Blick auf das Gewordene, welches ein Gewesenes dann, zu werfen. An dieses schwermütige letzte Schauen fühlte ich mich erinnert, als ich hörte, daß in Ludwigsburg die traditionsreiche Buchhandlung Aigner schließen mußte. In dem seit 1804 existierenden Geschäft habe ich die ersten Bücher gekauft. Es war ein Haus des Buches im eminentesten Sinne. Kirchen werden verkauft. Buchhandlungen werden verkauft. Man könnte versucht sein, als zorniger alter Mann auf die Caféhausterrasse sich zu setzen und, verbittert durch und durch, zuzuschauen. Was mein englischer Freund hinsichtlich des anstehenden Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union anspricht (»It is easy to understand the anger of old men, descanting on the folly of the human comedy. For me this is now, I think, the greatest temptation. Better to be an explorer«) ist so sehr wahr! »Better to be an explorer«! Die Hand an den Pflug legen, vorausschauen und suchen und neu gestalten und sich hineindenken ins Vergangene und Gegenwärtige als Teil des Kommenden — aus der Realtranszendenz Jesu Christi heraus atmen und weinen und tanzen, die Hände falten und hinfliegen über die Kontinente (ohne die Motoren unserer selbsterschaffenen Vögel der Lüfte; wohl aber gemäß der Leichtigkeit unserer Kraniche: daß der Flug im geistigen Sinne geschehen möge). Nicht harre ich aus auf der Caféhausterrasse, klebe vielmehr am Tischchen vor dem hohen Fenster, das auf den Hinterhof hinauszeigt, dort ich die Welt schaue mit ihren sterbenden Buchhandlungen, ihren davonrasenden Kirchen, ihren Finanzjongleuren, Friseuren, ihren Parties und Trauerfeierlichkeiten; dort ich die Welt schaue in ihrem schieren Wahnsinn wie in ihrer unzerstörbaren (weil dichterisch-göttlichen, jesuanischen) Schönheit. »Von einem Licht der Geistigkeit und Poesie umschienen jener Tisch, / auf dem das Heft und, nach der Rückkehr von der Reise, die Hisbiskusblüte liegt. / Ach, wie ein Kranich über Epochen hinzuziehn! Anfänge bestimmen, / Untergänge fliehn. Vom Tisch die Blüte nehmen, das Buch aufschlagen morgens. « (aus: Kerzenlicht für unser Dorf)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)