Ein ums andere Mal werde ich gefragt, warum ich mich als Pietist bezeichne. Im vergangenen Jahr habe ich versucht, diese Frage im Rahmen einer Rede, die ich anläßlich der Geburtstagsfeierlichkeiten eines Freundes gehalten, zu beantworten. Ich möchte diese Rede in Auszügen wiedergeben. Der Vortrag stand unter einem Zitat des ungarischen Philosophen Béla Hamvas: »Ich weiß. Was ich sage, ist für viele ein Skandal und eine Narretei…Ich dulde nicht länger, daß die Welt auf die falschen Gerüchte hereinfällt, die über den religiösen Menschen ausgestreut werden, und daß sie glaubt, dieser sei ein trauriger, schlapper, scheinheiliger, gestrandeter, verlogener Blödian und die Religion ein Skandal und Narretei.« Danach die folgenden Ausführungen: Im Tübinger Stift der 70er Jahre war der Begriff ›Pietist‹ ein Schimpfwort. Es galten die Vorwürfe, wie sie im Werk Hermann Hesses ein ums andere Mal laut werden: Engherzigkeit, Kälte, freudloses Fremdsein flutendem Leben gegenüber, das verachtenswert Süßliche der Jesusverehrung ––– Ich bin ein Kind des Pietismus; wie alle evang. Württemberger tief beeinflußt und geprägt: die Sonntagsschule, das frühe Bibellesen, eine prärationale Jesusliebe. Es waren die Gaben des Elternhauses, die Gaben der Ahnen, der Altworderen, es war ein ehrfürchtiges (eigentlich antik griechisches) Wissen um Geschick und Vergänglichkeit irdischen Seins, es war der Pietismus Schellings, Hölderlins, Mörikes – ein frühes Erfriffensein von der geistigen Welt der Heiligen Schrift (d.i. ein Umfassendes: Renaissance, Humanismus, Nominalismus, Aufklärung, Dichtkunst, musica sacra, Malerei, Philosophie ––– Anklang eines Polyphonen, tief Geistigen, gereicht von schönen Händen der Bibel). Dieser Pietismus war etwas Innerliches. Keine Spur von Moralisieren, Bestraftwerden oder Besserwisserei. Viele waren, wie Hermann Hesse bezeugt, einer solchen gesetzlich reduzierten Religion ausgesetzt. Keine Frage. Ich habe das nie so erfahren. Mein Kindsein war durchatmet und durchleuchtet von spiritueller Güte, geistiger Weitläufigkeit, von emblematischer Theologie. Damit bin ich beim Kern dessen, worauf ich, das Phänomen des Pietismus betreffend, hinzuweisen gedenke: auf die grundlegende Emblematische Theologie, auf die emblematische Theologie insonderheit eines denkbar großen württembergischen Geistes, eines pietistischen Kirchenvaters gewissermaßen ––– ich spreche von der Theologia Emblematica des genialischen Pfarrers Friedrich Christoph Oetinger (er wurde 1702 in Göppingen geboren, ist 1782 in Murrhardt gestorben). In der Dreifaltigkeitskirche Bad Teinachs findet sich die Kabbalistische Lehrtafel der württembergischen Prinzessin Antonia aus dem Jahr 1673. Oetinger hat diese Tafel gedeutet und erklärt. Besagte Auslegung ist der umfassende Entwurf eben seiner Theologia Emblematica. Es geht letztlich darum, zu zeigen, wie in der gesamten Natur, in der Menschheitsgeschichte, in der individuellen Biographie, in allem, was sein darf und ist, aufscheint etwas von gottursprünglicher Präsenz, aufscheint die Auferstehungskraft des Christus. In der Ulme, in der Weinrebe, im Vogelflug, im Tun des Handwerkers, im tragischen Feuer der Weltkriege des XX. Jahrhunderts, im Abwurf der Atombombe (im vollständig Zerstörerischen also), im Kleinen indes gleichermaßen: im Schlangestehen an der Supermarktkasse, im Nachtschlaf des Menschen – es gibt kein Phänomen dieser Erde, dieses Lebens, in welchem nicht das traurige wie heitere, richtende und stille und siegreiche Gegenwärtigsein Jesu präsent wäre. Die äußerste Hiobklage »Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam? Warum hat man mich auf den Schoß genommen? Warum bin ich an den Brüsten gesäugt?« ––– hinter solcher, sprachlich nicht mehr überbietbarer Hiobsklage glänzt im Kontext der Oetinger’schen theologia emblematica das geheimnisumwitterte Christusantlitz genauso wie hinter dem glaubensstarken Dostojewskij-Satz: »Schönheit wird die Welt erlösen.« Wir verlassen die über alles hin sich entfaltenden, alles durchdringenden göttlichen Kraftfelder und Räume niemals; von irgendwoher ist immer ein Scheinen, das durchdringt in unser Hiersein (auch dort, wo Abgründe sich offenbaren). Es ist der »Stille im Lande«, der aus dieser Christusgegenwart heraus lebt. Die alte Bezeichnung für die Piestisten: »Die Stillen im Lande«. Der »Stille im Lande«, der Vornehme, Feinsinnige, ist der eigentlich im Leben Verwurzelte, der in der Hingabe tatsächlich Aufgehende. Er lebt, der Mensch der Stille, nicht abgeschottet vom Lärm, er steht mit beiden Füßen im Zentrum des Lärms, hört und sieht jedoch ein Anderes, lebt aus einem Anderen. Der Dichter, der Fremde, der Gütige, bedächtig Handelnde. Hölderlin, der Württemberger, einer der Stillen im Lande, besingt in seiner Dichtung »Des Morgens« das Großwerden des Tages, den Gang der Sonne hinauf ins Hohe, Heilige ––– wünscht dem Einzelnen aber, anstatt daß dieser, vom Ehrgeiz gewissermaßen verbrannt, über alles hinauswachsen möchte, er möge bescheiden bleiben und einfach leben: »…segne mir lieber dann / Mein sterblich Thun und heitre wieder / Gütiger! heute den stillen Tag mir.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)