Wer wollte ausschließen, daß wir alle ausnahmslos die Wirklichkeit verkennen, um Problemstellungen herum uns bewegen, die lediglich als Träume vorhanden. Ich war ein kleiner Dorfpfarrer und lebe nunmehr in einer müden Altstadt an der Grenze zur Schweiz – Was ist ein Leben? Ich maße mir nicht an, zu verstehen. Ich halte mich an meinen Pindar, an die achte Pythie: »Eintagswesen! Was ist einer, was ist einer nicht? Eines Schattens Traum ist der Mensch (skiās onar anthrōpos).« Ähnlich Aischylos, der im Gefesselten Prometheus Denken und Handeln der »ephaimeriōn / des Eintagsgeschlechts« einer armseligen Ohnmacht bezichtigt; Ohnmacht, die, »Einem Traum gleich, dieses Erdvolks / So ganz blindem Geschlechte den Fuß hemmt« (vgl. v 545-550). Ganz in diesem Sinne Hiob, die Psalmen. Wirklichkeit, Bestand und Schönheit könne der Mensch, sofern wir die antike Spur weiter verfolgen, allein dadurch gewinnen, daß Gottglanz in seinem Leben aufscheine: »Aber wenn gottgeschenkter Glanz (aigla diósdotos) kommt«, dichtet Pindar (der für Aischylos und die Psalmen und Hiob stehe) »so ruht helles Licht (lampron pheggos)und freundliches Dasein (meilichos aiōn) auf den Menschen.« Würde und Glanz haben wir nicht aus uns selbst. Einzigartige, aus nichtig ohnmächtigem Schattendasein befreiende Bedeutung kommt von Gott her uns zu. Die Feindesliebe, die Jesus anmahnt, bedenkt dies unablässig: daß der Mensch als Mensch nur eines Schatten Traum; daß er schön und heilig ausschließlich von Gott her – wir also einander, unserer Gottähnlichkeit wegen, mehr achten sollten. Nicht verächtlich, herablassend auf andere zeigen, verbal einschlagen auf sie, zur vernichtenden Wortwahl greifen –––ach dieses politische Fernseh-Nachrichtentheater, dieser allabendliche Krieg, dies kindische übereinander Herfallen – wenn doch jemand über seinen Gegner sich wohlwollend, bei aller gegensätzlichen Auffassung wertschätzend äußern wollte. Wenn die Akteure der politischen Welt doch langsamer, nachdenklicher, vornehmer sprächen! Ein kleiner, flüchtiger, heimlicher Trost: »Immer noch berühren große Wetter (Fronten & leergeweinte Eimer der Zeit) die Stirn.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)