Man sitzt im (zugegeben äußerst hellen) Lichtkegel der Schreibtischlampe; einer Barke verwandt treiben Blicke über diesen Fluß der Helligkeit. Der Entschluß dann, das Licht zu löschen – unvermittelt findet man sich eingetaucht in Finsternis; dagegen das Gedächtnis der geschlossenen Augen Momente lang noch die Erinnerung bewahrt an vormals helles Scheinen: wie in einer Zirkusmanege kreisen und kreuzen Muster mexikanisch-surrealer Tücher, Tiere, Sterne, Kränze, Gitter, das Zickzack eines in den Sand sich einschreibenden Strahls der Fahrradlampe, wild durchs Zwischenreich eines Verdämmerns – bis ein Dunkel über unser Auge bestimmt. Augenblicklang (musikalisch gewendet: angedeutete Klänge sozusagen eines schrill gespielten Akkordeons, Akkorde einer Straßenmusik) stürzen Chiffren des wirren Zirkus-, des Zeichenwirrwarrs durcheinander zwischen hellem Scheinen elektrischen Lichts und der dann herrschenden Nacht. Es braucht der Worte viele, dieses geheimnisvolle, kurz nur anklopfende, geschwind also sich verflüchtigende Dazwischen zu beschreiben. Ein Dazwischen, das, wie gesagt, dem Gedächtnis gehört geschlossener Augen. Blitze eines des Lichtscheins sich erinnernden Gewitters. Wäre ich Kabbalist (Schüler womöglich des legendären Moses ben Jakob Cordovero oder des Isaak Luria), würde in den Bergen wohnen, im obergaliläischen Städtchen Safed des sechzehnten, siebzehnten Jahrhunderts, – ich würde erwägen, ob aus solchem Nachscheinen von Licht, wie es im göttlichen Augen zucken, in Splittern nachleuchten würde, die Welt hervorgegangen sei. Das Irdische, das wir dermaßen ernst nehmen, dessen vermeintliche Ewigkeit wir zu preisen geneigt, entspräche einem kurzweiligen Zwischenzustand. Die sichtbare Welt ein augenblicklanges Nachleuchten, ein Glimmen, ein Reiten der Zeichen und Chiffren durch die Manege, die Idee einer verrückten Melodie, ein Fingerschnalzen lang währendes Aufleuchten kurz vor Einbruch der Nacht. Das Universum: ein sekundenlang sichtbares Rinnsal zwischen Tag und Nacht; Muster nachklingend aus einer Tuchfabrik; ein Dazwischen des Klangs und des Scheinens. Splitter – in der Sprache Paul Celans: »Partikelgestöber« (Engführung, v. 69 & 95f — überhaupt darf das ganze Gedicht als Nachatmen verstanden werden eines Prozesses, welcher im besagten DAZWISCHEN sich ereignet, die Shoah indes nicht ausblendet, das Partikelgestöber der Schöpfung als ein Schmerzliches entziffert).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)