»Vogelflug, Geborenwerden, Flußlauf, Sterben…// Unsre Augen sind einsam verschneite  Wälder Sibiriens; / Wälder, an welchen wir vorübergehn. / Unsere Augen sind Buchten, in die der Ozean kommt, sich auszuruhen / um alsbald wieder zu entfliehen, Adieu zu sagen Tang und Schlick, / dem Leuchtturm auch, Adieu zu sagen einem hilflos hellblau / angestrichnen Boot. // Unsere Augen sind fast blind. // Müßig scheint es mir und überflüssig, / eine Form zu suchen, die dem entspräche, was wir Leben nennen. / Die Sprache wuchern lassen, dem Brennesselfieber folgen, aufzeichnen, / bestimmen den Eisenbahnknotenpunkt, alles immer nur geschehen lassen. / O Nacht der Geometrie, Mailands Innenhöfe. // Ich nehme wahr, / wie die Form sich selbst entwickelt aus nichts als zwei Insektenflügeln / und einem Tropfen Salbeiöl, heranwächst auf einem zuallererst / musikalischen Gestüt. // Wir übermalen (wie Arnulf Rainer Tafeln übermalt) // alle Texte unsres Hierseins gründlich; spüren, wie das Leben hierhin geht, / die Stiefel setzt auf verregneten Asphalt, um dann doch über Wolken wieder / hinzuschreiten. Ich baue weiße Weine aus mit meinem Schreiben. // Weiterziehen, Schritt für Schritt. // Wie schwarze Hunde treten Phänomene in die Zeit. / Ich sage mir: Laß die Geschehnisse ihr eigenes Leben führen. / Das Leben selbst hat keine Form. // Vogelflug, Geborenwerden, Flußlauf, Sterben…« (Gibt es ein Maß auf Erden?)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)