»Adieu, Eigenheim« – in der gestrigen Süddeutschen ein Artikel unter dieser Überschrift. Das Wohnen in Einfamilienhäusern sei nicht mehr zeitgemäß. Unterdessen werden alle Gestalten, unter welchen wir die Jahrzehnte verbringen auf Erden, in Zweifel gezogen. Alles muß wohl verändert werden. Wie bisher können wir, hört man die jeweilig Wissenden sagen, nicht weiterleben. Umbrüche werden gefordert auf allen Gebieten. Im Verborgenen jedoch, der Stille bleicher Alltäglichkeit, tragen wir weiter den Mantel des Gewohnten durch die Tage. Die Gezeiten von Schlaf und Arbeit (Tätigsein) bestimmen über die Ruinen unseres Atems. Seit den Tagen Platons hat sich im Grunde wenig geändert: Wir lieben die Wärme, suchen Anerkennung, kaufen Bücher in der Buchhandlung »Shakespeare & Company«, legen den selbstgestrickten Wollschal mehrfach gewunden um den Hals, sterben vor uns hin, zünden die Kerze der Augen an beim Erwachen um 6. 43 Uhr, kaufen Rosenkohl, Kartoffeln, weinen beim Lesen der Gedichte Stéphane Mallarmés, die Socken, die wir über müde Füße ziehen, sind löchrig wie Fragmente aus dem Nachlaß Cortázars. In die Veränderung hineingerufen, halten wir am Herkömmlichen fest, klammern uns mit beiden Händen an das Testament der Kindheit (was Mütter und Väter uns mitgegeben an Möglichkeiten, nicht unterzugehen im Teer des Fremdbestimmtseins). Auflohend der Wahnsinn unseres Lebens, den wir als etwas Selbstverständliches und Leises, Gleichbleibendes stets, als ein Gegebenes ansehen. Wir leben den Wahnsinn, erkennen ihn jedoch nicht als solchen. Un coup de dés – ein Würfelwurf des Menschen Leben. Und ein Windstoß, herrisch sich aufwerfend, peitscht das kleine Meer der Hinterhöfe.

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)