Nach der Lektüre des neuen Houellebecq (»Serotonin«) tauche ich, einem tiefen Bedürfnis gehorchend, ein in die goethe- und nietzschegesättigte Sprachwelt des »Dr. Faustus«. Die Thomas-Mann-Sprache ist wie Heilerde. Tage gibt es, an denen ich nicht umhin kann, von dieser Sprache wie von einem pharmakon athanasias (Arzneimittel der Unsterblichkeit) zu kosten. Wobei ich es nicht versäumen möchte, meine Überraschung, den Romanschluß Houellebecqs betreffend, zum Ausdruck zu bringen – daß nach gut 200 Seiten Nihilismus alles in ein feinsinnig religiöses Bekenntnis mündet: »»Gott kümmert sich tatsächlich um uns, er denkt jeden Augenblick an uns, und manchmal gibt er sehr genaue Weisungen. Seine überschwängliche Liebe, die in unsere Brust strömt, bis es uns den Atem verschlägt, die Erleuchtungen,die Verzückungen, welche Gott uns schenkt – unerklärlich all dies in Hinsicht auf unsere biologische Natur, auf unsere Stellung als einfache Primaten – sind äußerst klare Zeichen. Und heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung unserer Herzen: Alle Zeichen sind da; wir erkennen sie nicht.« Gleichwohl vermag dieser geradezu heilig anmutende Schlußakkord nicht darüber hinwegzutäuschen, daß Houellebecq von dieser Welt nichts mehr erwartet. Ganz anders meine persönliche Stimmungslage: Ich erwarte alles, ich gehe mit offenen Händen ins vor uns liegende Dunkel. Diese Haltung zu erläutern, darf ich aus dem Manuskript »Wohin der schöne weiße Regen fiel« zitieren: »Almuth beschwor, das Wort wieder aufnehmend, eine uns Heutigen noch ungewiße, dunkle Zukunft. „Das Karussell wird lange noch sich drehen, der Generationen viele werden noch kommen und gehen, noch sehr viel Schmutz muß abgewaschen werden von den Tagen der Dohlen, der Schiffschaukeln, den Tagen der Lakritze und der Radiostimmen; noch sehr viel Gift muß tropfen und Schaum treten vor Menschenmünder.“ Octave beharrte darauf, es sei vollkommener Unsinn, von Untergang, von Apokalypse und Ende der Zeiten zu reden. „Wir leben noch in unmittelbarer Nähe zum Ursprung aller Zeit. Noch nicht einmal der zweite Tag ist angebrochen und die meisten weinen bereits den Untergang herbei. Höre doch, Almuth, wir können die Pharaonen sogar noch sprechen hören. Es ist noch gar nicht viel Zeit vergangen. Keine Rede davon, daß wir am Ende aller Dinge stünden, wie du es zuweilen zu sehen geneigt bist. Es ist auf dieser Erde noch gar nicht viel geschehen. Das Eigentliche steht uns noch bevor.“ In Almuth flammte Spott auf. „Ach ja, es sind ja doch erst ein paar Millionen umgebracht worden, so ein paar kleine Kriege haben die Menschen gefressen, dagewesen sind ein paar Engel, ein paar Göttersöhne, der Tyrannen wohl gar einige, der Teufel auch. Man hat Schnaps gesoffen, an Kartoffeln sich sattgefressen zuweilen, nachgestottert hat man das eine oder andere schwarze Alphabet. Ansonsten aber ist noch nicht viel geschehen auf dieser Erde.“ Das Schwirren und Flügelschlagen und Aufsteigen der Vogelschwärme über der traurigen Großstadt. Almuth wie Octave gaben beide dem Eindruck sich hin, die großen Flüsse Europas würden aus den Kammern des Ursprungs Truhen einer neuen Festlichkeit des Lebens heraufschleppen – an diesem kleinen, unscheinbaren Morgen. An einem Kiosk später, umrahmt von Wintersonne, tranken sie einen Becher Billigkaffee. Sie lasen, Gebäck essend, gemeinsam im Tagebuch, welches eine Frau in den Nachkriegsjahren, während der Flucht von Bulgarien nach Nordgriechenland, verfaßt; lasen diese mit kleinen Flüchtlingsbuchstaben übersäten Seiten (und die Buchstaben selbst, so Almuth, würden gleichermaßen wie in die Flucht geschlagene Wanderer erscheinen; die Buchstaben auch seien Flüchtlinge, in Manteltaschen und Koffer, in Rucksäcke, Tüten, Ledermappen, in Brotbeutel gestopfte Worte). Über den 25. Januar 1945 hatte die Flüchtlingsfrau ein Wort von Novalis geschrieben: „Das ächte Princip der wahren Phil muß – das gesundmachende- frey, heiter und jungmächtig, klug und gutmachende Princip seyn.“ Octave warf den leergetrunkenen Becher in einen Abfalleimer; er spürte die ‚ächte‘ Philosophie in sich erwachen. Lieber guter eisiger Morgen mit deinem schmutzigen Schnee, deinem Lachen. Octave und Almuth würden einen wunderbar hohen Tag verbringen dürfen.«

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)