Ein falscher Eindruck, der vermittelt wird: als ob auf allen Gebieten des Denkens, Forschens, politischen Handelns und Kunstschaffens ein Aufbruch sich ereigne. Im industriell verwertbaren Basteln sogenannter ›Startups‹ (wie klein das klingt!) bereite eine gänzlich neue Zivilisation sich vor. Laßt euch nicht täuschen! Das sogenannte Neue in allen Bereichen des öffentlichen Lebens ist nichts als Reparatur. Kein Neues, das, denkbar grob auch nur umrissen, sichtbar würde. Es erweist sich alles Tun als der Versuch, einen Zustand des Errungenen einigermaßen zu erhalten – was keinesfalls beklagenswert! Lächerlich nur muß anmuten, daß jeder Tastendruck als große Kunst verstanden sein will, jeder Aktenvermerk in Ministerien als wegweisend für den Geist. Wir geben Wechselgeld aus, gehören indes (ob wir auch ein Kärtchen in einen Schlitz stecken und ganz stolz Zahlenfolgen eingeben ins Gerät) einer im Untergang begriffenen Währung. In umfassender Weise ist, eine Wendung Hölderlins aus dem »Archipelagus« in etwa zu bemühen, das Geschmiedetsein ans eigene Treiben, die Geste dieser unserer Epoche, ein Ringen, ein von Armut geprägtes Ringen um den Erhalt dessen, was man mit Schneeschaufeln und Kehrbesen zusammengeschoben über die Jahrhunderte hin. In Hörsälen, Museen, Flughallen, in den Hallen der Kirchen wie der Parlamente, den Industriehallen, den Ateliers, den Schneiderstuben, auf den Korridoren der Banken und Spitäler – überall vernimmt man das schwere Keuchen Sterbender und sie tasten nach der Hand, die führen würde und wissen nicht, wonach sie suchen, und stolpern, wortkarg oder verschwätzt, arrogant in den meisten Fällen, blind ins Ungewisse. »Warum schweigen auch sie die alten heilgen Theater?« (Hölderlin) Kein Erfinden, kein Wiederentdecken des Archaischen, weder Schau noch Scheu. Es ist Reparatur – auch das vermeintlich großspurig ›Vision‹ Geheißene (das aus dem Ärmel hervorgezauberte Blatt) wird als das Sich-Klammern des Ertrinkenden an die Schiffsplanke sich erweisen. »Unsere Zeichen sehen wir nicht, kein Prophet ist mehr da, / und keiner ist bei uns, der etwas weiß.« (Ps. 74,9) Der ältere Herr, gewesener Landpfarrer seines Zeichens, erkältet und schlaflos im kalten Dunkel der Frühe, der gar nichts weiß, der gar nichts sieht (von wegen, daß er einen Hauch auch nur verstünde von dem, was sich vor dem Gerüstbau seiner müden Augen zuträgt) tritt, die während der Nacht nur zur Hälfte gerauchte Zigarre anzündend, auf den Balkon und spricht: »Kunst und Denken, stolze Zirkusclowns, die ihr Publikum verloren. Schau nur, wie sie hinziehn über hohe Ebenen, wie sie die Täler meiden. Auf der Suche nach dem andern Sternbild haben sie die einfachen Kinder vergessen der Welt, die wiederum sich abgewandt, gleichgültig und unerschrocken.« (aus: Winterpalast)

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)