Hölderlin-Vertonungen etwa dürfen nicht mißverstanden werden als Umsetzen von Sprache in Musik; auch nicht als Ergänzung in dem Sinne, daß etwas hinzuträte: ein Klangkörper zum Sprachleib. Keine Rede davon, daß unterschiedliche Ebenen des Ausdrucks dialogisch durch einen Abend gingen liebenden, verstehenden Gesprächs. Vertonungen (als Werk der Großen: Schönberg, Nono, Kurtág, Zender…), Vertonungen lassen sich vergleichen mit dem Bergbau; läßt denken an ein Hinuntersteigen in Schächte der Sprache, das Verlangen, einzudringen in Stollen, Gestein der Tiefe herauszuschlagen aus den Gängen. In jedem Fall möchte, abgewandt vom Getriebe des Tages, vom Licht des Gewußten, gegraben werden nach verborgenen Schichten des Ausdrucks, wie die sich innerhalb einer Buchstabenfügung, eines Zusammenspiels von Silben, finden lassen. Und sie kehren zurück aus der Tiefe, der Verborgenheit der Schächte, die Tonsetzer, mit geschwärzten Gesichtern, Kopfschütteln, mit verstümmelter Sprache (insofern, als Umgangssprachliches in weite Ferne gerückt). Ihr Tun, ihr Setzen von Klangpartikeln, ist vergleichbar mit dem Aufhängen von Wäsche. Jede Note wird an die Leine gehängt – der Prozeß des Trocknens stellt uns vor Augen das Flattern oder langsamere Hin- und Hergewehtwerden im Wind. Das Dasein des Hörers, insofern es das Werden, Trocknen und Reifen jedes Partikels mitverfolgen darf, wird eingetaucht in entschiedene Festlichkeit. Unbedingtes Festlichsein! Die Verwandlung des Alltags in Schneefall. Die Auferstehung der schwarzen Seele: nach der schwarzen Milch der Frühe darf sie Wein trinken, jesuanischen Wein. Jede Hauskante verliert ihren abgrenzenden Charakter, öffnet sich ins Offene eines Gesprächs. Festlichkeit des Daseins. Das Große »esoterischer« (esoterisch – im Sinne Platons verstanden: die geistige, durchscheinende, vom nichtdenkenden Auge kaum wahrnehmbare Innenwelt der Ideen) – das Große also esoterischer Musik (anders als der dauernde Hintergrund eines Angesungen- und Angeschrieenwerdens aus Lautsprechern der Supermärkte und Lokale, welches das Asphaltgrau einer Autobahn heraufbeschwört): es nimmt uns an der Hand und führt uns weg von den Gräbern, den seelischen Ruinenlandschaften, den Stätten des Hungers, der Armut überhaupt, führt uns weg vom trostlosen Spiel mit Zahlen und Figuren, vom Im-Kreis-Herumgehen der Gefängnishöfe, lädt uns vielmehr ein nach Kana, dort die ewige Hochzeit gefeiert wird des kurzen, schönen, erhabenen, dem Mutigsein gehörenden, bejahenden Menschenlebens (Joh.2, 1ff.). Tonsetzer wie Nono und Kurtág skizzieren im Grunde den Weg einer Familie durch die Zeit. Nachgezeichnet wird der Weg einer jeden Note, laut wird ihre Herkunft, ihre Verwandtschaftsverhältnisse, ihre Zukunft – aber sie geben, Nono etwa und Kurtág, keinen Familienroman; eher den Gesang, die Melodie einer Familie; um jede Note wird die Traube einer späten Hölderlinstrophe gebaut. Festlichkeit des Daseins. »Wir tranken Tee auf der Veranda und weißen Wein in Stockwerk drei / Wann würden wir zu Hause sein in Zimmer sieben / Die Schönheit eines Brunnens war die Arche; draußen war es kalt /Als Wimper eines Universums lag die Hand des Herbstes auf dem Teich.« (aus: Bis weit nach Mitternacht wurde die Orgel der Kirche gespielt).

Autor: fentzloff

Ulrich Fentzloff, 1953 in Ludwigsburg geboren und aufgewachsen. Kind poetisch verklärter Tage in einem Württemberg des Geistes. Studium der Evang. Theologie und der Philosophie an der Universität Tübingen. Vikar in Leonberg-Silberberg. Pfarrverweser in Unterlenningen, am Fuße der Schwäbischen Alb. Gemeindepfarrer in Kirchberg/ Jagst (Hohenlohe), an der Johanneskirche in Stuttgart, und schließlich, 25 Jahre lang, bis Sommer 2016, in Langenargen am Bodensee. Lebt als Dichter in Konstanz. Absichtlich deckt den Ausgang des Tages zu, Umnachtet das Zukünftige uns der Gott Und lacht, wenn sterblich eins zu sehr be- Sorgt, was geschehen wird. (Horaz, in der Übersetzung Friedrich Hölderlins)